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Beweiſe eines guten Herzens. 41 8—
oder war er— o ſchrecklicher Gedanke!— vielleicht mehrfacher Familienvater und durch ihren Anblick zum Verbrecher geworden?
Darum mußte Clementine Gewißheit haben, und zum erſten Male, ſo lange ſie denken konnte, folgte ſie nicht dem harmoniſchen Läuten der Kirchenglocken und ging mit zuckendem Herzen in die Nebengaſſe und dort in das Haus der Frau Schilder hinein.
Die brave Wirthin ſaß in ihrem Hinterſtübchen allein und hatte etwas in der Hand, das bei näherem Betrachten wie ein ſchmieriges Gebetbuch ausſah. Sie ſchien dieſen Morgen außer⸗ ordentlich taub zu ſein, denn ſie vernahm durchaus nichts von den Schritten der Ankommenden, hörte nichts von dem Geränuſch, mit welchem ſie die Thüre öffnete, und vernahm nichts von dem guten Morgen, mit welchem dieſelbe ſie begrüßte.
Clementine ſah ſich genöthigt, ihr Sprachorgan bedeutend an⸗ zuſtrengen und der tauben Wirthin mit übergroßer Anſtrengung einen freundlichen guten Morgen zu wünſchen. Entſetzt blickte dieſe in die Höhe, nickte einfach zum Gruß mit dem Kopfe und machte eine Bewegung mit der Hand, welche ausdrücken ſollte: laß mich meine ſtille Andacht vollenden. Darauf las ſie nur einige Augenblicke weiter in dem Buche, blickte zum Himmel und dann erhob ſie ſich von ihrem Sitze und reichte der alten Jungfer zur Begrüßung die Hand.—
Clementine knixte ſchüchtern; da ſie wußte, daß die Frau Schilder an Schwerhörigkeit leide, ſo brachte ſie ihren Mund, ſo weit es thunlich war, an das Ohr dieſer würdigen Frau und lis⸗ pelte:„Ich habe den Brief geleſen.“
„Wirklich?“ entgegnete die Wirthin, und auf ihrem gleichgül⸗ tigen Geſichte war nicht die geringſte Theilnahme zu leſen.
„Ich möchte mit Ihnen darüber ſprechen,“ fuhr die alte Jung⸗ fer fort.
„Mit ihm ſprechen?“ ſagte die Wirthin,„ſchon wieder?“


