8 Ein Rendez⸗vons. 29
„Das Spiel, das damit getrieben wird, wiederholte Clemen⸗ tine, und es fiel ihr plötzlich ein, daß junge, naſeweiſe Mädchen die Blätter dieſer Blume einzeln abzurupfen pflegen und dazu allerlei ſchreckliche Worte ſprechen.
„Um Gottes willen!“ dachte ſie,„hat er deßhalb nur von Blumen geredet, um nun zuletzt mit der gefährlichen Gänſeblume einen Sturm auf mein Herz zu wagen?“
„Sie kennen das Spiel nicht?“ fragte Herr Sidel, über alle Möglichkeit unbefangen ausſehend. 1
„Ja, ich kenne es,“ hauchte Clementine hervor.
„Die Worte hiezu,“ fuhr der ſchreckliche junge Mann fort, „werden hie und da verſchieden geſprochen. Wie ſagen die jungen Mädchen in hieſiger Stadt?“
Die jungen Mädchen, hat er geſagt und hatte dazu die Gänſe⸗ blume in ihre Hand gelegt? Dieſer Augenblick war entſcheidend, und die feinfühlende Clementine konnte es nicht über ihr Herz brin⸗ gen, nachdem er ſich auf ſo zarte, blumige Weiſe ihr genähert, ferner noch die Unempfindliche, die Hartherzige zu ſpielen; auch war er ihr bedeutend näher gerückt.
„Nun, mein verehrtes Fräulein,“ ſagte der ſtürmiſche Mann, „ſo zupfen Sie einmal die Blättchen da ab und laſſen ſich prophe⸗ zeien.“
„Er liebt mich,“ ſagte erröthend Clementine.
„Von Herzen,“ ſetzte der luſtige Rath hinzu.
„Mit Schmerzen,“ ſeufzte ſie.
„Ueber alle Maßen.“
„Ein klein wenig.“
„Ach, gar nicht,“ ſagte der luſtige Rath;„aber weiter, weiter, es ſind nur noch wenige Blättchen da.“
„Er liebt mich,“ fuhr Clementine fort.
„Von Herzen,“ ſagte er.
„Mit Schmerzen,“ liſpelte ſie.
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