Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Clementine Strebeling erhält einen Brief. 13

die Augen niederſchlagen, und nichts in der Welt vermöchte es, ein ähnliches Wort meinen zitternden Lippen zu erpreſſen. Aber die Frau Schilder gegenüber iſt eine äußerſt brave Frau, und wenn Sie ihr für mich ein paar freundliche Zeilen übergeben woll⸗ ten, ſo wäre ich der Seligſte unter den Sterblichen.

Liebe iſt ein einzig's Wort, Liebe, Leben eilet fort.

Keime ſterben, Blüthen färben,

Leiden enden, Freuden blenden,

Freundſchaft dauert. Nur Liebe währet, Liebe währet ewig!

So denkend, ſchließe ich und bin und bleibe

Ihr Ewiggetreueſter. Keine Unterſchrift? fragte Katharina, nachdem ſie geleſen, und ſah ihr Gegenüber fragend an. Keine, antwortete dieſes mit verſchämten, niedergeſchlagenen Augen;und das finde ich gerade ſo unendlich zart. Und Sie wiſſen auch gar nicht, wer der junge Mann iſt?

forſchte das Mädchen weiter.

Nicht eine Sylbe! ſagte eifrig die alte Jungfer;ach, es wäre mein Tod, wenn ich es wüßte!

Nun, nun, ſo ſchlimm wird's gerade auch nicht ſein, meinte das junge Mädchen;werden Sie ihm Hoffnung geben?

Worin? fragte Clementine.

Nun, daß Sie ihn lieben wollen.

Hierauf erfolgte lange Zeit keine Antwort.

Clementine nahm den Brief aus der Hand ihrer Freundin, faltete ihn zuſammen und verwahrte ihn bei ſich an demſelben Platze, wo auch die ſchöne Katharina ihr Billet von heute Morgen aufgehoben.

Alſo Sie fühlen kein Intereſſe für ihn? forſchte die neu⸗ gierige Katharina, und ein ſchelmiſches Lächeln ſpielte um ihren Mund.