Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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12 Einundzwanzigſtes Kapitel.

Farbe, und obgleich ſie gemäß dem Wunſche der alten Jungfer für ſich las, ſo iſt es uns doch kraft unſerer Unſichtbarkeit ge⸗ ſtattet, einen Blick über die Schultern des jungen Mädchens zu werfen. Auf dem Papier ſtand: Theure Clementine!

O, verzeihen Sie vor allen Dingen, daß ich es wage, Ihren mir ſo lieben Namen auszuſprechen, verzeihen Sie aber vor allen Dingen, daß ich zu Ihnen geſagt:Theure Clementine. Aber Sie geſehen haben, von Ihnen gegrüßt worden zu ſein, und als⸗ dann dieſe Zeilen vielleicht mit den WortenMein ſchönes Fräulein zu boginnen, iſt mehr, als ein fühlendes Herz vermag. Undd ich habe ein fühlendes Herz, theure Clementine! ein treues Herz, das für Sie fühlt, ein Herz, das mit jedem Schlage die Worte ausſeufzt:O Clementine, ich liebe dich! Verzeihen Sie abermals, meine Gefühle reißen mich hin, ich wollte eigentlich ſagen:Clementine, ich liebe Sie! aber es iſt ganz einerlei: die Gefühle dieſer Liebe ſind da. Doch wie ich in den innerſten Tiefen meines Gefühls fürchte, ſind dieſe Gefühle unerwidert und werden o ich Unglücklicher! auf ewig. unerwidert bleiben! Denn, ach! Clementine, ich kenne Ihr reines Herz, ich weiß, daß Sie ſich ſchaudernd abwenden von dem, was wir Männer die Liebe nenen, ich weiß, daß Ihr zartes Gemüth zurück ſchreckt beim Anblick eines Mannes aber was hilft das alles!? Kann ich meine Gefühle verläugnen? O nein, ich kann es nicht! Soll ich leben? Soll ich ſterben? Dieſe Frage weiß ich Ihnen in den ver⸗ dunkelten Gefühlen meines Herzens nicht zu beantworten. O Cle⸗ mentine, ich hätte nicht den Muth, Ihnen perſönlich gegenüber nur durch einen Blick zu verrathen, wie ſehr ich Sie liebe! Aber wenn ich Ihnen heute, morgen irgendwo begegnete, ſo würde ich