Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Clementine Strebeling erhält einen Brief. 11

geben wollte, durch welche es der ſchönen Katharina gelungen war,

dieſes fürchterliche Geheimniß der alten Jungfer zu entlocken.

Endlich aber war es heraus, die Geſchichte von der Lotus⸗ blume, welche ſich geängſtigt vor der Sonne Pracht, dann gebebt und gezittert vor dem jungen Manne, der am gegenüberliegen⸗ den Fenſter aufgetaucht, der ſie gegrüßt, der ihr zugelächelt. Ja, es kam ans Licht der Sonne, daß es heute Morgen am Zimmer der Jungfer Clementine ſanft gepocht, daß hereingetreten war die Magd der Frau Schilder drüben, daß ſie ihr ein Brieſchen über⸗ reicht, und daß Clementine dieſes Briefchen, welches ſie im erſten Anflug jungfräulicher Angſt zerreißen wollte, am Ende dennoch geleſen hatte.

O lieber Gott, ſagte die alte Jungfer am Schluſſe ihrer Erzählung,hier iſt der Brief; aber, beſte Katharine, Sie werden gewiß recht ſchlecht von mir denken, Sie werden mich für ein leicht⸗

ſinniges Frauenzimmer halten?

Das junge Mädchen ſchüttelte den Kopf und entgegnete unbefan⸗ gen:Aber an allem dem ſeh' ich durchaus gar nichts Schlimmes; was können Sie dafür, wenn ein junger Mann, der Sie erblickt wenn Sie ihm gefallen an Sie ſchreibt?

Nicht wahr, Katharine, ſagte ängſtlich die Jungfer,daran trage ich gewiß keine Schuld?

Ganz unſchuldig ſind Sie, verſetzte das junge Mädchen mit der Miene eines Richters; worauf Clementine einen tiefen Seufzer that und gen Himmel blickte, als wollte ſie ſagen: Warum hat der liebe Gott uns Mädchen auch ſo unwiderſtehlich geſchaffen?

Aber den Brief wollen wir doch leſen, ſagte Katharina neugierig.

Aber leiſe, ganz leiſe, ſprach Clementine;ich kann dieſe Zeilen unmöglich laut vorleſen hören. 5

Katharina entfaltete das Papier, es war von roſenrother