Einundzwanzigſtes Kapitel.
Nicht als ob der Anblick des Herrn Sidel gar eine heftige 4 Liebe in ihrem jungfräulichen Buſen plötzlich entzündet hätte— 1 dem war freilich nicht ſo; aber ſie hatte ſchon oft drüben am Fenſter die verſchiedenen Hausbewohner bemerkt, auch keine üblen jungen Leute, und noch dazu mit herabwallenden Haaren und langen, zottigen Künſtlerbärten. Es war vielleicht der reſpektvolle Gruß, den der Herr Sidel im Augenblicke herüberſandte, als er das Geſicht der alten Jungfer auftauchen ſah. Ja, der Gruß war reſpektvoll und wie überraſcht geweſen, das iſt gar nicht zu läugnen; überraſcht, weil der luſtige Rath an dem gegenüber⸗ liegenden Fenſter etwas Liebreizenderes erwartet hatte. Aber dem ſei, wie ihm wolle: die Thatſache bleibt feſtſtehen, daß er einen feſten längeren Blick hinüber geſandt, als bei dieſen Verhältniſſen gerade nothwendig geweſen wäre, und ebenſo wahr bleibt es auch, daß dieſer Blick das Herz der alten Jungfer wie ein mächtiger Feind umkreiste und an dem morſchen Palliſadenbau eben dieſes Herzens mit aller Kraft zu rütteln begann. Die ſchöne Katharina ſaß in ihrem Zimmer; es hatte die 3 Nacht durch gewittert, heftiger Regen war unter Blitz und Donner niedergeſtrömt, und der Marktplatz hatte ſich am frühen Morgen in einem Zuſtande großer Feuchtigkeit befunden, weßhalb die Tochter der Gemüſehändlerin ſich außerordentlich beeilt, um ihre Geſchäfte zu beendigen und ſich in ihr Zimmer zurückziehen zu können. Wir dürfen aber dem geneigten Leſer nicht verſchweigen, daß die Feuch⸗ tigkeit des Marktes nicht die alleinige Urſache war, weßhalb Katharina ihren Stand ſo früh verlaſſen; ja wir ſind in der Noth⸗ wendigkeit, eine viel ſchrecklichere Urſache anzugeben. Wir müſſen verrathen, daß dem jungen Mädchen, während ſie bei ihren Blu⸗ menkörben ſaß, von einer guten, alten, befreundeten Frau ein 2 Blättchen Papier zugeſchoben wurde, mit Schriftzügen, welche Katharina augenblicklich als die ſeinigen erkannte. Wir müſſen ferner eſtehen⸗ daß ſie beim Lmpfange dieſes Briefchens auffallend
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