262 Neunzehntes Kapitel.
„Dies iſt alſo der Schauplatz meiner kurzen und traurigen ſchichte.. 8
„Ich kam zu gleicher Zeit mit meiner Arbeit dort an. Der Unterbau zum Denkmal war vollendet; meine Gruppe wurde aus⸗ gepackt und aufgeſtellt. Ich hatte in den erſten Tagen außerordent⸗ lich viel zu thun und arbeitete an der Beendigung meiner Figuren vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht. Die Hauptſigur mei⸗ ues Werkes war eine Mädchengeſtalt— Glaube, welche ſich mit dem einen Arm auf die Hoffnungſtützt, mit dem andern die Liebe empor hält, welche gerade im Begriffe iſt, den Deckel des Sar⸗ kophages zu öffnen. Ich weiß nun nicht, woher es kam— genug, ich hatte in Italien keinen recht ſchönen Mädchenkopf finden kön⸗ nen, den ich für edel genug hielt, danach meinen Genius der Liebe zu bilden. Ich dachte bei mir: das wird ſich ſchon finden, und ließ jenen Kopf ganz unvollendet. Als nun das Werk aufgerichtet da ſtand und meine Arbeit faſt beendigt war, fehlte mir nur noch jenes Geſicht, nnd ich befand mich daher in einiger Verlegenheit. Eine faſt fertige Arbeit wieder ernſtlich aufzunehmen, iſt an ſich ſchon ſchwer, hier aber fand ich, daß es mir unmöglich ſei, jenen Kopf ſo zu bilden, daß er zum Ganzen paſſe und ich damit zu⸗ frieden ſein könne. An dem Orte, wo ich war, ein Modell zu finden, das mir nur halb genügte, ſchien mir eine Unmöglichkeit. Ich ſtrengte meine Phantaſie an— ich brachte nichts Ordentli⸗ ches zu Stande, ich war faſt in Verzweiflung und lief träumend umher. 3
„Um die Bewohner jenes Schloſſes hatte ich mich bis jetzt gar nicht bekümmert. Es war auch von der gräflichen Familie Niemand da; nur ein Beamter lebte hier, ein alter, freundlicher Mann, der mir zu meinen Arbeiten bereitwillig ein paar Zimmer einräumte.
„Unten im Dorfe war ein kleines Wirthshaus:„Zur wilden Roſe“ genannt; dort wohnte ich und dort hielt ich mich auch, nach⸗
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