Die Geſellſchaft Leimſudia. 245
heute geſchehen, die Aufnahme neuer Mitglieder. In ſolchen Fäl⸗ len hatte der Präſident auch ohne lebhafte Unterhaltung das Recht, zur gegenſeitigen Erkenntniß die Lichter anzünden zu laſſen; doch blieb alsdann der Leim auf der Lampe ſtehen und mußte bis zum Beginn eines lebhaften Geſprächs umgerührt werden, damit er nicht anbrenne.
Als nun die Lichter gebracht wurden und man ſich gegen⸗ ſeitig anſchaute, ſah Eugen Stillfried unter außerordentlichem gegenſeitigem Gelächter eine Menge bekannter Geſichter um den Tiſch herum ſitzen. Da waren Juriſten, Mediciner, Maler, Bild⸗ hauer, Schriftſteller, im Ganzen ſechszehn Leimſieder; größer durfte die Zahl nicht werden. 3
Der vorſitzende Präſident mit der tiefen Stimme, die ſchon früher etwas außerordentlich Bekanntes für Eugen hatte, war ſein Hausarzt, Doktor Wellen, ein berühmter Arzt mit großer Praxis. Er machte ſeine Krankenbeſuche in einem Wagen mit zwei Pferden, hatte einen Stock mit goldenem Knopf, trug gewöhn⸗ lich einen blauen Frack, und wenn er auch als jovialer Mann und luſtiger Herr bekannt war, ſo würden doch ſeine ſämmtlichen Patien⸗ ten einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen haben, wenn ſie gewußt hätten, daß Herr Doktor Wellen der Vorſitzende der Leim⸗ ſudia ſei. Aber hierüber mußte von den Mitgliedern und den eingeführten Gäſten das unverbrüchlichſte Stillſchweigen bewahrt werden, wie denn überhaupt von der Exiſtenz der Leimſudia bis heute nichts in das Publikum gedrungen war.
Eugen ſchüttelte ſeinem Arzte und allen Bekannten lachend die Hand, und der Präſident meinte, er fange jetzt an, an eine Beſſe⸗ rung des jungen Mannes zu glauben, da er endlich einmal anfange, ſich in anſtändige und ſolide Geſellſchaft zu begeben.
Außer dem vorhin erwähnten Getränke, dem Leimwaſſer näm⸗ lich, bemerkte man jetzt beim Schein der Lichter, daß noch Anderes auf dem Tiſche vorhanden war. Da ſah man Wein⸗ und Bier⸗


