Eine merkwürdige Epiſode. 35
Dieſes Frauenzimmer trat ziemlich lebhaft, ja ſogar aufgeregt in das Gewölbe der Frau Schoppelmann. Es war eine jener Aufregungen, von denen man wünſcht, daß ſie von unſern Neben⸗ menſchen gleich bemerkt werden, eher eine künſtliche, als eine wirk⸗ liche. Die Dame in dem blauen Kleide, die offenbar mit der Ge⸗ müſehändlerin befreundet war, warf ſich, wie erſchöpft, in einen Stuhl und ſeufzte einige Mal aus tiefſter Bruſt. Doch wurde es ihr nicht ſo leicht, die Aufmerkſamkeit der Madame Schoppelmann, wie ſie wohl gewünſcht, ſogleich zu erregen.
Dieſe würdige Frau war zu ſehr mit ihrem Geſchirr beſchäf⸗ tigt, überhaupt von einer zu großen Gemüthsruhe, um zu bemer⸗ ken, daß ihr Beſuch ſehnlichſt gewünſcht, ſie möchte ſogleich fragen: „Um Gottes willen, was iſt Ihnen denn begegnet?“ Erſt nachdem ſie wiederholt einige tiefe herzbrechende Seufzer gethan, dabei ſehr auffallend geſchaudert, wandte ſich die Gemüſehändlerin, die ihr gleich Anfangs einen guten Morgen geboten, von dem Herdfeuer ab, um ſie zu fragen, ob ſie nicht ganz wohl ſei.
Statt aller Antwort ſchüttelte die blaue Dame ihr mageres
. Köpfchen, ließ es dann nach der Gegend der Bruſt zu ſinken und
ſagte:„O lieber Gott!“
„Nun, was ſoll's denn, Jungfer Strebeling?“ fragte verwun⸗ dert die Gemüſehändlerin, welche, mit dem Abtrocknen ihrer Kaffee⸗ kanne beſchäftigt, zufälliger Weiſe über dieſelbe hinausſchaute und auf dieſe Art das Manöver der ſehr ehrenwerthen Jungfrau be⸗ merkte.„Nun, ſo ſprechen Sie doch! Was iſt Ihnen denn ſo Grauſames begegnet?“
„O lieber Gott!“ entgegnete die Andere und ſeufzte abermals tief auf.
„Nun, ſo reden Sie doch gerade heraus! Hat man Ihnen
was gethan, iſt Ihnen was geſtohlen worden, haben Sie mit Ihrer Frau Schweſter Streit gehabt?— So ſprechen Sie doch!
Nun?“


