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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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ben hat, ſo plötzlich in das elterliche Haus nach Hamburg zurückzu⸗ kehren, iſt gleichfalls nicht genau ermittelt worden; denn der Arzt fand ſie bereits in wilden Fieberphantaſieen raſen und mußte bald die Ueberzeugung ausſprechen, daß ſie die Nacht nicht überleben werde.

In ihren Kleidern hatte man den Brief Sylburg's gefunden, uneröffnet, das letzte Zeugniß ihrer Unſchuld!

Als gegen fünf Uhr der Freiherr mit ſeiner Gemahlin und der Gräfin am Hauſe vorfuhren, rang ſie bereits mit dem Tode, aber erſt nach Mitternacht hauchte ſie friedlich in den Armen der alten Frau ihre Seele aus. Das Morgenroth des zehnten Mai fand von der großen hochbegabten Künſtlerin Charlotte Ackermann nur noch eine ſtilllächelnde Leiche, nur noch einen in Deutſchlands Kunſtge⸗ ſchichte unſterblich fortlebenden Namen.

Ihr Sterbetag war für ganz Hamburg ein Tag der Trauer, ja,

wir leſen ſogar, daß an dieſem Tage wenig oder gar keine Geſchäfte

an der Börſe gemacht wurden. Wohl aber wandelten Tauſende von Menſchen an dieſem Tage über den Kreyenkamp, und betrachteten ernſt und ſchweigend das Haus, in dem ſie geſtorben war. Auch

vor demKaiſershof bildeten ſich gegen Mittag zahlreiche Gruppen,

und der Name des berüchtigten Werbeoffiziers wurde mit lauten Verwünſchungen genannt; Leute aus dem Volke konnten nur durch das Zureden beſonnener und angeſehener Perſonen von Steinwürfen gegen die Fenſter des oberen Stockwerkes abgehalten werden, obwohl der Wirth betheuerte, daß der Baron ſchon in der Frühe des Mor⸗ gens abgereist ſei. 4

Man hat ihn auch in der That in Hamburg nicht wieder ge⸗ ſehen und ebenſowenjg von ſeinem ſpäteren Schickſal Etwas er⸗ fahren.

Am Tage vor ihrer Beerdigung hatte man Charlottens Leiche nach der damals herrſchenden Sitte im offenen Sarge ausgeſtellt. Der Andrang von Perſonen aus allen Ständen, die ihr die letzte Ehre erzeigen und ſie noch einmal ſehen wollten, war ſo groß, daß man ſich einen Unteroffizier mit einigen Mann Wache erbitten mußte,

um die Ordnung vor dem Sterbehauſe aufrecht zu erhalten. Das Zim⸗ mer, worin ſie ausgeſtellt war, wurde nicht leer von Leidtragenden; man beſtreute ihren Sarg mit Blumen und Gedichten, ſchnitt Haare