lichen Irrthum nun ganz und vollſtändig kenne!— O mein Gott, o mein Gott, wie werd' ich es ertragen! 4
Sie müſſen ſich's nicht allzuſehr zu Herzen nehmen, beſte Lotte, entgegnete Ulrike, tieferſchreckt von dieſem unwillkührlichen Jammerruf der jungen Seele. Jedes Schickſal, auch das härteſte, will ertragen ſein und läßt ſich ertragen, wenn wir ihm mit Gottvertrauen unter die Augen treten und nur an unſrer eignen Kraft nicht verzweifeln. Sie ſind noch jung, Ihr Leben beginnt erſt— glauben Sie mir, theure Freundin— ſolche Prüfungen in der Jugend erſparen uns viele Thränen in künftigen Jahren, wo die Wunden der Seele nicht mehr ſo ſchnell heilen wie jetzt; ja, wo wir den inneren Gewinn an erweiterter Lebenserfahrung und Weltanſchauung, den ein junges Ge⸗ müth aus ſolchen Geſchicken zieht, nicht einmal mehr hoch anſchlagen dürfen. Faſſen Sie ſich, Charlotte, damit unſere Freunde im Schloſſe nicht merken, was uns ſo lange aus ihrem heiteren Kreiſe ferne ge⸗ halten hat— es iſt Ihre und meine Pflicht, den guten Menſchen keinen Anlaß zur Sorge zu geben.
Aber umſonſt war dieſe ermuthigende Zuſprache der Gräfin; Charlotte blieb den ganzen Abend über ſtill und in ſich verſunken, und nahm faſt keinen Theil an dem, was um ſie vorging. Sie rührte bei Tiſche keinen Biſſen an, ſtarrte regungslos vor ſich hin und zog ſich bald auf ihre Stube zurück. Irmengard, die ihr ſpäter nachging, kam mit der Meldung zurück, ſie habe ſie bereits ſchlafend im Bette gefunden.
Ob die vereitelte Zuſammenkunft mit dem Baron, oder die Mit⸗ theilung Ulrikens, oder Beides zuſammen die Urſache von Charlottens verſtörtem Weſen ſei, dieſe Frage blieb auch jetzt noch für den Frei⸗ herrn und die Gräfin ein ſorgenvoller Zweifel, und Erſterer ſprach es offen aus, daß ſein Vertrauen zu ſeiner jungen Schutzbefohlenen heute einen harten Stoß erlitten habe. Nach dem Weggang ſeiner beiden Töchter ſagte er:
Drei Tage wollen wir noch ruhig zuſehen, welche Wendung dies
Alles nimmt, und ob die Nachrichten unſerer edlen Freundin ihr end⸗
lich die Augen über ihre unheilvolle Leidenſchaft öffnen; iſt dies nicht der Fall, dann ſende ich ſie ihrer Familie zurück. Denn, ſo ſchwer mir auch dieſes Wort auszuſprechen fällt, wir ſind es unſern eignen


