Laſſen Sie uns ausſteigen und zu Fuß nach dem Schloß zurück⸗ kehren. Es iſt ein ſo herrlicher Abend, daß Einem auch ohne be⸗ ſondere Veranlaſſung das Herz zur freien Mittheilung aufgeht. Sie ſollen nun auch meine Geſchichte mit dem Baron hören und dann
ſelbſt entſcheiden, ob ich wenigſtens nicht Urſache habe, für Sie zu
zittern.
Beide verließen hierauf den Wagen und ſchritten eine Zeitlang Hand in Hand ſchweigend durch die dämmernden Laubgänge des Parks. Auch die Gräfin war durch das letzte Geſpräch ſo erſchüttert worden, daß ſie einige Sammlung nöthig hatte, bevor ſie der neuen Freundin die leid⸗ und ſchickſalsvolle Geſchichte ihrer Jugendliebe mit⸗ theilen konnte. Dann ſagte ſie:
Wir Frauen ſcheinen nun einmal dazu beſtimmt, die Erkenntniß unſeres Innern erſt dann zu gewinnen, wenn es für die Meiſten zu ſpät iſt, dieſen Gewinn zu dem Kapital ihres Herzens zu ſchlagen, und damit deſſen dauerndes Glück zu begründen. Wir lieben zumeiſt die Liebe um der Poeſie willen, die ſie uns einflößt und weil wir nicht anders wiſſen, als daß wir reinen Herzens ihren heiligen Stim⸗ men lauſchen. Jedes Opfer, jeder Schmerz, womit wir dieſe ſüße Schwärmerei erhöhen, ſcheint uns ein Grund mehr, um an die Wahr⸗ heit unſeres Gefühles wie an ein heiliges Evangelium zu glauben;
während wir recht abſichtlich die Augen verſchließen und es nicht ſe⸗
hen wollen, wenn dieſe Wahrheit mit Dem in Widerſpruch geräth, was uns das angebetete Ideal unſeres Herzens zum Gotte macht. So kommt es denn, daß ſich oft die reinſte Liebe, die doch ſonſt in Allem einem hellſehenden Engel gleicht, grade da am Meiſten in ihrem Ge⸗ genſtand irrt und verſieht, wo wir das Muſter eines vollkommenen, edlen und liebenswürdigen Mannes zu erblicken wähnen, weil eben unſer an Poeſie und Selbſttäuſchung ſo reiches und obendrein ſo lie⸗ beſehnſüchtiges Herz in ſeinem großen herrlichen Gefühle keine Ahnung davon hat, welche Armuth, welcher Mangel an aller höheren Begei⸗ ſterung und ſchönen Empfindung der Mann in ſich trägt, den wir durch unſre Liebe für ſo reich, ſo hochbeglückt halten. Weil wir trun⸗ ken ſind vor lauter Hingebung und Seligkeit, ſehen wir die Eitelkeit, den kalten Egoismus nicht, womit der Abgott unſerer Seele, der Held unſeres Herzens unſere Liebe wie einen ihm ſchuldigen Tribut hin⸗


