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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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weit die Kraft ihres Armes reiche, als ſie ſich plötzlich eines Andern beſann. Das Billet Sylburg's in ihrem Buſentuch verbergend, ſagte

ſie entſchloſſen:

Behüte Gott, das hieße ja, mich vor mir ſelber fürchten!— Nein,

der Brief ſoll nicht vernichtet werden, vielmehr ſoll er mir, ſo hoff' ich, bald gute Dienſte leiſten. Gleich nach dem Frühſtück gebe ich ihn uneröffnet dem Geheimerath, und will dann den ſehen, der mich fer⸗ nerhin noch beargwöhnt!— Mußte es ſo weit durch ſeine Schuld mit mir kommen, dann möge auch in Gottes Namen der Treuloſe, der

mich verließ, in dieſen Zeilen ſelbſt meine letzte Rechtfertigung ge⸗

ſchrieben haben!

50.

Aber der Freiherr, ſonſt ſo pünktlich in Allem, was des Hauſes Ordnung anbetraf, erſchien heute nicht zur gewohnten Stunde beim Frühſtück, und ließ ſogar ſpäter durch ſeinen Schreiber den Damen herüberſagen, man möge nicht auf ihn warten, indem ihn dringende Geſchäfte an den Arbeitstiſch feſſelten. In Wahrheit hatte es jedoch mit ſeinem Wegbleiben eine ganz andere Bewandtniß, und Charlotte wäre heute gewiß nicht ſo frohen Muthes geweſen, hätte ſie gewußt, was den Geheimerath fernhielt.— Denn dieſer ſaß weder in Akten vergraben am Schreibtiſche, noch rührte er das Frühſtück an, welches

Frau von Schimmelmann herübergeſchickt hatte; er ging vielmehr mit

großen Schritten, die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, in der Stube auf und ab und ſuchte vergebens einer heftigen Gemüths⸗ bewegung Meiſter zu werden. Dabei drückte ſein ſonſt heiteres Antlitz eben ſo viel wahre Sorge als tiefen Unmuth aus, und zuweilen machte er letzterem in einzelnen Ausrufungen und Verwünſchun⸗ gen Luft:

Der elende Menſch!— Ach, mein armer Schröder!— Sollte

man's für möglich halten?— So jung und ſchon ſo verderbt!—

Wahrhaftig, die Beiden halten's noch immer heimlich miteinander!—

Aber warte, Coujon, mir ſollſt du keinen Streich ſpielen!—