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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Tycho, keine düſteren Wolken der Schuld und Verirrung wieder verhüllen!— Voll von dieſem muthigen Entſchluß begab ſich Charlotte auf den Rückweg in's Schloß, da die Zeit gekommen war, wo ſich die Familie zum Frühſtück zuſammenzufinden pflegte; doch ſchlug ſie, um 3 ſchneller dort zu ſein, den kürzeren Pfad durch die Eichenallee ein, welche dicht an der Landſtraße hinlief und von dieſer nur durch eine niedrige Planke getrennt war.— Eben hatte ſie den großen Teich er⸗ reicht, deſſen tiefblaue Fläche zaubriſch im Morgenſonnenſchein er⸗ glänzte, als ſie einen kleinen etwa zwölfjährigen Bettlerknaben er⸗ blickte, der ihr von der Landſtraße aus eifrig zuwinkte und durch ſein kluges muntres Schelmengeſicht, in dem zwei große braune Au⸗ gen gleich zwei feurigen Kohlen brannten, ihr Intereſſe erregte. Als ſie neugierig ſtille ſtand und ihm zurief, kletterte der Kleine ſogleich mit großer Behendigkeit über die Planke, ſprang ohne Scheu auf ſie zu und ergriff ihre Hand, die er haſtig umkehrte. Beim Anblick— des kleinen Rubins an dem goldnen Reif, den ſie trug, ließ er ein eigenthümliches helles Schnalzen mit der Zunge hören, ſchlug dann auf dem Raſen mehre Burzelbäume, hüpfte, als Charlotte den drolli⸗ gen Jungen nach ſeinem Namen fragte, raſch in die Höhe, ſah ſie einen Moment ſtarr an und warf ihr plötzlich, ohne ein Wort zu ſagen, ein feingefaltetes Billet vor die Füße. Mit der Geſchwindig⸗ keit eines Wieſels ſchlüpfte er dann in die nächſten Büſche und durch eine Lücke im Zaune wieder auf die Landſtraße hinaus, auf der er, ohne ſich umzuſehen, davoneilte, in der Richtung nach der Haide. Als ſie den Brief aufhob, war ihr Staunen faſt noch größer wie ihr Schrecken, da ſie Sylburg's Handſchrift und ſein Wappen⸗ ſiegel erkannte. Nur einen Moment dunkelte es vor ihren Augen, zitterte ihr Herz vor ſeiner eigenen Schwäche; aber ebenſo ſchnell ſich wieder ermannend und ihrer guten Vorſätze eingedenk, war ſie feſt entſchloſſen, den Brief ungeleſen zu vernichten, und ſich damit für immer von der Gewalt eines Menſchen zu befreien, der ſelbſt bis in dieſes ſichre Aſyl hinein ſie verfolgte und ihr durch ſeine Verwegen⸗ heit dieſen Schrecken bereitete.— Schon hatte ſie einen Stein vom Boden aufgehoben und ihn in des Briefes Falte geſteckt, ſchon war ſie im Begriff, Stein und Brief mitten in den Teich zu werfen, ſo