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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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in den Abgrund niederſtürzen, wenn alle Sinne uns ſchwinden und der letzte Zweig, an dem wir uns feſthalten wollen, abknickt wie ein ſchwaches Rohr?— Am Ende iſt ja jedes Schickſal im Menſchen⸗ leben nur eine Täuſchung, und wir wähnen immer aus einer größe⸗ ren Höhe herabzuſtürzen, als ſie in der Wirklichkeit erſcheint.— Aber gleichviel, fuhr ſie nach einer Pauſe ſinnend fort und blickte zum Thurme hinan; Fanny's Prophezeiung hat ſich wenigſtens darin als richtig erwieſen, und es käme jetzt nur darauf an zu wiſſen, was die abgefeimte Perſon mit der Brücke gemeint hat, unter der kein Waſſer fließen ſoll und auf welcher ich mein Ziel bald erreichen würde?— Ach, wie viele Brücken gibt es nicht im Leben, die uns über Abgründe hinausführen, ohne daß wir dieſe ſehen oder auch nur ahnen!— Und ſo könnte ja auch, wenn es ſich wirklich um den Glauben an ſolche abgeſchmackte Wahrſagerei handelte, die Brücke eben ſo gut vorhanden ſein, wie der Thurm da, und wäre am Ende eben ſo gleichgültig, wie dieſer.

Doch, was kümmere ich mich überhaupt um das Geſchwätz einer Kartenſchlägerin! Hab' ich ja doch in Wahrheit eine Brücke gefunden, die mich zum Ziele führen ſoll, ein beſſerer Prophet, als alle Ma⸗ gier und Zauberer der Welt!— Nathan, Nathan, du ſollſt ſie ſein, die Brücke zu einem neuen Leben, in dem ich fortan nur jener Pro⸗ phetenſtimme lauſchen will, welche die heilige Gottheit der Poeſie und ihre Prieſterin, die Kunſt, zu mir reden!

O, ſei mir darum geſegnet, ehrwürdiger Thurm des alten Tycho de Brahe! fuhr ſie nach einer Pauſe mit erhöhtem Gefühle fort und blickte gerührt zu der Plateform der alten Sternwarte hinan.— Auf dir hat einſt in ſtillen Mitternächten der weiſe Aſtronom den Lauf der Geſtirne beobachtet und neue Syſteme und Welten entdeckt; hat durch das Dunkel der Nacht, welches dem irdiſchen Auge ſo lange die Geſetze der Ewigkeit verhüllte, mit ſeherkundigem Blicke manch⸗ großes Räthſel der Ewigkeit entdeckt und gelöst, und iſt den Spuren der Gottheit nachgegangen bis zu den fernſten Tiefen ihrer lichtſtrah⸗ lenden Unendlichkeit; und heute, heute finde auch ich bei dir, du ehrwürdiger Thurm, den guten Stern meines Lebens wieder, und fortan ſollen ihn mir, das ſchwör' ich dir, verklärter Geiſt des weiſen