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bittet, Ihnen vor Allem den Nathan zu geben; denn er glaube, daß die Rolle der Recha keine würdigere Darſtellerin finden könne, als Sie. Das laſſen Sie ſich geſagt ſein, Lotte, bei Ihrem und des herrlichen Nathans Genius!
Er erhob ſich bei dieſen Worten vom Sitze, nahm den Kopf der jungen Künſtlerin zwiſchen beide Hände, drückte einen Kuß auf ihre Stirne und ging raſch aus der Stube.
Frau von Schimmelmann ſagte nach einer Pauſe, indem ſie ſich die Augen trocknete:
Laſſen wir Lotten für den Reſt des Abends mit dem neuen Gedicht unſres Freundes allein auf ihrer Stube; denn habe ich den Papa richtig verſtanden, ſo iſt der Nathan eins von jenen Büchern, die, wie Gott beim Gebet, in der Einſamkeit erſt recht empfunden werden, ſo innig und lebendig, als ſpräche unſre eigne Seele aus des Dichters geweihtem Munde.
Sie gab ihr hierauf das Manuſcript in die eine und eine bren⸗ nende Kerze in die andere Hand, küßte ſie und ſagte:
Morgen erzählſt du uns dann, was dir der Nathan vertraut hat. So haben wir den doppelten Genuß, erſt ſeine Wirkung auf das empfindſame Herz der Freundin, und dann durch ihre Vorleſung den künſtleriſchen Eindruck des Ganzen kennen zu lernen. Nun, gute Nacht, Lotte, gute Nacht!
49.
Als ſich die Sonne am folgenden Morgen durch die Gardinen in Charlottens Zimmer ſtahl, hatte ſie einen Anblick, den wir dem Dichter des Nathan lieber, als dem leuchtenden Helios gönnen möch⸗ ten, obwohl es auch dieſer nicht an Glanz und Strahlen fehlen ließ, um das liebliche Bild eines von den Genien der Poeſie verklärten Morgentraumes mit des Frühlings goldnen Lichtern roſig zu um⸗ weben.— Denn in der That war's ein Bild inneren Glückes, ſeliger Befriedigung, wie ſie da ſchlummerte, den Roſenſtrauß in den ge⸗ faltenen Händen, mit denen ſie zugleich das Manuſecript des Nathan,


