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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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als hätte ſie ſich ſelbſt im Schlafe nicht von dem neuen Evangelium ihres Herzens trennen können, feſt an ihren jungen Buſen gedrückt hielt, die ſchönſte Ruheſtätte für ein ſolches Gedicht der Unſterblich⸗ keit.— Und wie ihre Hände das Buch, ſo hielt auch ihre Seele noch im Schlummer den Eindruck des Geleſenen feſt: im Traume war ſie ſelber die holde Recha und erlebte Alles, wie dieſe, ihr Leid, ihre Liebe, des ſchönen Tempelherrn Kaltſinn, und zuletzt die erſchüt⸗ ternde Entdeckung, daß der Geliebte ihr Bruder und Nathan nicht ihr Vater iſt,— Alles das träumte jetzt Charlotte ſo lebhaft, wie ſie's am Abend zuvor beim Leſen des Gedichtes empfunden hatte. Bald ſah ſie ſich im goldſtrahlenden Palaſt des Kalifen, bald unter den Palmen am heiligen Kloſter; alle Wunder, Töne und Geſtalten des Morgenlandes gingen an ihrer entzückten Seele vorüber; da plötzlich weckte ſie ein ſonderbar dumpfes Dröhnen und Brauſen aus ihrem Schlummer auf, und im Erwachen griff ſie mit der Hand nach der linken Schläfe, wo ſie einen Schmerz fühlte, als ſteche man ihr mit einer ſpitzen Lanzette mehrmals ſchnell hintereinander in's Fleiſch; aber ſowie ſie ſich völlig ermunterte, hörte das Dröhnen in ihrem Ohre auf, auch der Schmerz ließ bald nach, doch fühlte ſie noch einige Zeit nachher einen lähmenden Druck an der Stelle.

Sie war überzeugt, daß Alles nur die Folge ihres jüngſt er⸗ lebten Unfalls beim Reiten ſei, machte ſich indeß keine weitere Sorge darüber, ſondern erhob ſich wohlgemuth vom Lager, um noch vor dem Frühſtück einen Gang durch den Park zu machen.

Erſt jetzt, in der ſonnigen Frühlingsnatur, wo Alles ringsum knospete und glänzte, empfand ſie es deutlich, daß auch in ihr ein neuer Mai angebrochen ſei und der Jugend ſanfte und holde Melo⸗ dieen noch einmal in ihre Seele zurückkehrten.— Ja, ſie hatte ihn wiedergefunden, den ſchönen tiefen Ton ihres Herzens, und ein fröh⸗ licher Muth erhob ihr Gefühl mächtig wie auf Adlerflügeln zu den alten Höhen ihrer Begeiſterung. Sie empfand eine ſo innige Freude, als trete ſie plötzlich wie aus düſteren Schatten in eine neue Welt voll Poeſie und Paradieſesſchein;— und das Alles hatte der Na⸗ than bewirkt, dieſes große ernſte Gedicht voll erhabener philoſophi⸗ ſcher Würde und reinſter poetiſcher Schönheit, das wie mit hellen Seheraugen in ihre tiefſte Seele geblickt und ſie ſelbſt zu klarerem