Druckschrift 
Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 422—

vor den Nachſtellungen eines Menſchen zu beſchützen, der ſo recht eigentlich dazu beſtimmt ſchien, dieſes junge edle Leben beſtändig von Neuem zu bedrohen und es aus einer Noth, einer Drangſal in die

aandere zu treiben. mmenn kaum hatte der Baron ſeinen Rückzug aus dem freiherr⸗ zirke angetreten, als auch ſchon Herr von Schimmelmann,

die Maßregeln ſeiner Wachſamkeit vortrefflich genommen hatte, durch ſeine Leute von der Anweſenheit eines fremden Herrn in der Nähe des Parks unterrichtet wurde, und noch vor Anbruch der Nacht erhielt er die ſichere Gewißheit, daß kein Anderer, als der Major von Sylburg, ſein Abſteigequartier in dem verrufenen Haidekrug ge⸗ nommen habe.

Einen Augenblick machte dieſe Nachricht den Geheimerath ſehr beſtürzt, und er ging ſogleich zu ſeiner Gemahlin, um dieſe von der drohenden Gefahr zu unterrichten. Denn wem anders, als Charlot⸗ ten, konnte Sylburg's Ankunft gelten?— Die Beſorgniß jedoch, daß

ddieſe am Ende gar ſelbſt darum wiſſen und noch immer ein heimliches Verhältniß zwiſchen Beiden beſtehen möge, zerſtreute Frau von Schim⸗ melmann bei ihrem Gemahl durch die Verſicherung, ſie ſei entſchieden von dem vollen Gegentheil überzeugt.— Lotte müßte eine ausgemachte Heuchlerin ſein, ſollte ich mich darüber täuſchen, ſagte die Geheime⸗ räthin. Nein, nein, ſie hat gewiß keine Ahnung von des Barons Nähe; denn noch heute Mittag vertraute ſie Irmengard an, ſie habe ihm ſchon in Hamburg den Abſagebrief geſchrieben, halte ihn für keinen edlen Charakter, und wolle auch nicht eher wieder zu ihrer Mutter zurückkehren, als bis dieſer Mann die Stadt verlaſſen habe und ſie vor ſeiner Zudringlichkeit ſicher wäre. Was ſollte ſie zu dieſem Geſtändniß bewegen, wenn ſie um des Barons Hierſein wüßte? Das Mädchen mag einmal unter dem Einfluß dieſes Menſchen übel genug berathen geweſen ſein, aber jetzt iſt das anders; ihre ſtille Heiterkeit in den letzten Tagen, ihr wiederkehrender Lebensmuth ſind gewiß keine trügeriſche Maske, und ich bin daher jedenfalls dagegen, daß man ihr auch nur das kleinſte Mißtrauen zeige.

Bei Leibe, das darf auch nicht geſchehen, erwiderte der Frei⸗ herr mit Eifer. Im Gegentheil ſoll ſie weder von Sylburg's An⸗ weſenheit, noch von unſerer Beſorgniß Etwas erfahren, ſondern ſich,