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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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1 durch eine Unbeſonnenheit verleiden muß. Indem ſie das Beſte will, 1 läßt ſie ſich vom Eindruck des Augenblicks hinreißen, handelt ohne 1 5 Ueberlegung, nur nach den Eingebungen ihres ſchwärmeriſchen Ge⸗ R fühles und verleiht dadurch ihren Handlungen viel mehr den Anſtrich einer geſuchten Genialität als den der reinen natürlichen Herzensgüte. So hat ſie durch ihr geſtriges Abenteuer ſich und uns

mehr Nachtheil bereitet, als ſie damit Gutes geſtiftet hat. Ich muß dir leider nur allzu ſehr beiſtimmen, erwiderte die Mutter mit einem Seufzer. Hat ſie ſchon als Mädchen unverzeihlich gehandelt, daß ſie ihren guten Ruf auf's Spiel ſetzte, ſo iſt ſie noch viel weniger als Künſtlerin zu entſchuldigen, die den Verleumdungen der Welt tauſendmal mehr ausgeſetzt iſt, wie jedes andere Frauen⸗ zimmer. O Herr meine Güte, wie werden unſere Feinde den Be⸗ ſuch von Mademoiſelle Ackermann im Hauſe der Stockelhörnin aus⸗ beuten! Wie wird der maliciöſe Doctor Dreyer den Skandal auf 3 ſeinem Höcker von Haus zu Haus tragen und in ſeinem Wochenblatt die Schauſpielerin entgelten laſſen, was doch nur das unerfahrene 4 Mädchen verſchuldet hat! Von der Börſe werden's heute Mittag die Herren ihren Frauen und Töchtenn nach Hauſe bringen und wir 7 erleben es, daß man ſie Abends im Theater mit Ziſchen und Hohn⸗ 5 gelächter empfängt. 4 3 Sie vergeſſen, liebe Mama, daß Charlotte heute die Rutland ſſpielt, ſagte Dorothea. 4 1 Deſto ſchlimmer! fiel ihr der Bruder heftig in's Wort. Denn die Verleumdung wird eben den Glanz ihres Talentes dazu be⸗ nutzen, um ihr Betragen nur deſto tiefer in den Schatten zu ſtellen, man wird Charlotten ehren wie immer, verſetzte Dorothea mit Nachdruck

4 und der Blick ihrer ſchönen großen Augen ruhte feſt auf dem Bru⸗

der. Mein Gott! Wohin geräthſt du in deinem Eifer für der . Schweſter Ehre! Nag ſein, daß Charlotte übereilt gehandelt hat;

5 mag ſein, daß vielleicht die Schlechtigkeit einiger Menſchen ſo weit

geht, dieſe edle That zu einer neuen Verleumdung zu benutzen. Laßt's nur geſchehen, die Genugthuung wird nicht ausbleiben, und was den Doctor Dreyer anbetrifft, ſo wird der wenigſtens diesmal

ſeine Satyre nicht gegen uns auslaſſen; denn er hat geſtern Abend D. B. II. Müller's Charl. Ackermann. 4 2 3