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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Der ernſte Ton, die gebietende Miene, mit der ſie dies ſagte, übten auf die Umſtehenden eine unwiderſtehliche Gewalt aus und wie von einer höhern Macht bezwungen, riefen Alle wie aus einem Munde:

Das Kind! Bringt der ſchönen Demoiſelle das Kind der armen Bertha!

Madame Fanny, welche ſich gleichfalls neugierig zu der Unbe⸗ kannten im reichen Atlaskleid drängte, hatte ihr nicht ſobald unter den feinen ſpaniſchen Federhut geſchaut, als ſie einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß und ganz außer Faſſung gerieth.

Wie? Mademoiſelle Ackermann! ſtammelte ſie und küßte der jungen Dame, ehe dieſe es hindern konnte, mit vieler Affektation die Hand. Jeſu Maria! Wie kommen Ihre Gnaden in das Haus der Stockelhörnin? Ach, nicht wahr, Sie haben draußen auf der Straße den Lärmen gehört, und da wollten Sie zuſehen, worüber man eigent⸗ lich ſo hitzig ſtreitet? Aber ich ſchwöre Ihnen, junge Exeellenz, die Stockelhörnin hat Unrecht, ſo wahr ich die Ehre habe, die hoch⸗ gefeierte Künſtlerin Charlotte Ackermann vor mir zu ſehen!

Schweigen Sie! Laſſen Sie mich! ſagte die Angeredete be⸗ troffen, und hatte Mühe, ſich von der läſtigen Perſon loszumachen, die mit Einmal eben ſo geziert und demüthig wurde, als ſie vorhin frech und hochfahrend geweſen war.

Voll Beſtürzung, ſich erkannt zu ſehen, wußte Charlotte nicht, ob ſie bleiben oder raſch von dannen gehen ſolle. Lena zupfte ſie ein über's andere Mal am Kleide und bat um Gotteswillen, nicht länger zu verweilen: O Himmel! was werden die Leute ſagen, wenn ſie hören, daß Sie in dieſem Haus waren! Was wird Ihre Frau Mutter ſagen und Mamſell Dorothea und der Herr Bruder ach, der Herr Bruder! Fort! fort! eh' es noch weiter ruchbar wird, mir geht vor Angſt ſchier der Athem aus! So flüſterte die beſorgte Matrone ihrer jungen Gebieterin in's Ohr und ſuchte ſie faſt mit Gewalt von dem Sarge hinwegzuziehen. Aber ſchon reichte man Charlotten das Kind der Verſtorbenen, ſie ergriff zitternd den ſchlum⸗ mernden halb nackten Säugling, drückte ihn ſanft an die Bruſt der todten Mutter und ſagte:

Nun iſt's gut, Leute! Macht den Sarg zu und gönnt dem