Druckschrift 
Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

Arme mit unbeſchreiblicher Frechheit in die Seiten und hörte mit größter Gelaſſenheit die Wuthausbrüche ihrer Gegnerin an, deren Leidenſchaft keine Grenzen mehr kannte. Nur mit Mühe hielten die Leichenträger Madame Fanny von Thätlichkeiten ab, die ſich wie eine Megäre ihren Armen zu entwinden und mit geballten Fäuſten auf die Stockelhörnin loszuſtürzen ſuchte, während die Zuſchauer in heftigem Wortwechſel Partei für die eine oder die andere der ſtreitenden Ri⸗ valinnen nahmen, und ein gräulicher Tumult um die ſtille Leiche entſtand, den die Zureden einiger wenigen beſonnenen Leute vergebens zu beſchwichtigen ſuchten. Aus einem friedlichen Begräbniß drohte eine Scene roheſter Gewaltthat zu werden, ſelbſt der Ruf nach dem Straßenvogt verhallte in dem heftigen Gezänke von einem Dutzend kreiſchender Weiber und Dirnen.

Immer mehr Neugierige, darunter auch Leute aus den beſſeren

Ständen, verſammelten ſich vor dem Sterbehauſe, und Eine davon,

gerade Diejenige, deren Erſcheinung an dieſem verrufenen Orte

wohl Niemand erwartet hätte, ſah ſich durch das Gedränge bald bis

auf die Diele vorgeſchoben, während ihre Begleiterin, eine wohlbeleibte ehrbare Matrone, deren Tracht die Dienerin aus reichem Hauſe verrieth, nur mit Mühe den Platz hinter ihr behauptete, nach allen Seiten hin abwehrend und die Nächſtſtehenden anflehend, ihrem Fräulein nicht zu nahe zu kommen.

Es war eine junge Dame aus vornehmem Stande, deren Er⸗ ſcheinung, obwohl ſie ſelber ſichtbar beſtürzt die unheimlichen und häßlichen Geſtalten ihrer Umgebung betrachtete, dennoch hinreichte, den heftigen Streit um das Kind einer todten Mutter mit Einmal zu beſchwichtigen; Neugierde und Staunen, dazwiſchen leiſes Flüſtern und Fragen ließen im Augenblick die noch eben ſo laute Zänkerei verſtummen; die junge Dame, die ſich ſo unerwartet in dieſe ihr fremde Welt des Elends und des Laſters verſetzt ſah, faßte ſich ſchnell, trat feſten Schrittes an den Sarg und fragte mit bewegter Stimme:

Iſt das die Mutter von dem armen Kinde? O Lena, ſieh dieſe ſchöne Todte! Wer kann ſie anblicken ohne die innigſte Rührung!

Aber nein, man ſoll ſie nicht ſo barbariſch behandeln; holt mir das

Kind, daß ich ihm noch einmal die Mutter zeige, eh' Ihr ſie ihm für

immer forttragt und es hülflos in der feindlichen Welt zurückbleibt!