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von ältlichem Ausſehen in einem faſt theatraliſchen Koſtäm. Sie trug ein ſafranfarbiges Tuch turbanartig um den Kopf gewunden und ihr buntgeblümtes Kleid von verſchoſſenem Zitz unterſchied ſich eben⸗ ſowohl durch den wenig ehrbaren Schnitt wie durch die große Ueber⸗ ladenheit an Putz und Bändern von demjenigen anderer Bürgerfrauen. Ihr geſchminktes Geſicht mit den ſcharfen Zügen und der ſpitzen Naſe hatte einen ungemein frechen Ausdruck, und die braunen Augen zeigten jenen irren ſtechenden Blick, der bei alten Koquetten den feurigen Glanz der verlorenen Jugend erſetzen ſoll. Einen häßlichen Schooß⸗ hund unter dem Arme, drängte ſie ſich ohne Umſtände mit gebietendem Weſen durch den Haufen der Neugierigen, von denen ſie nicht ſobald erkannt wurde, als von allen Seiten der Ruf ertönte: Madame Fanny! Macht Platz für Madame Fanny!
Ihr ſollt mir's alle bezeugen! rief ſie in einem fremden Dialekt in heftigem Zorn, als ſie an dem Sarge vorbei, welchen ſie nur mit einem Blicke ſtreifte, die Thüre zu der einzigen Stube im Erdgeſchoß erreicht hatte. Wo iſt die Stockelhörnin, die ſich erfrecht mir ſagen zu laſſen, ich ſolle das Kind der Verſtorbenen abholen, da ich ihr die Mutter in's Haus geſchafft? Was geht mich der Stockelhörnin ihre Wirthſchaft an! Sie mag ſehen, wer ihr das Kind abnimmt!
Das wird ſich bald zeigen, ſagte ein dickes unfläthiges Weibs⸗ bild, welches ſich jetzt in keineswegs gewinnender Geſtalt mit kurz⸗ geſchnittenen grauen Haaren in die niedere Thüre pflanzte. Die da, fuhr die verrufene Herbergmutter, auf die Leiche deutend, fort, iſt durch Sie in mein Haus gekommen; Sie hat für Bertha das Koſt⸗ geld bezahlt, ſpärlich genug; denn ſie hat mir nichts eingebracht als Sorge, Aergerniß und ein Wochenbett dazu. Und nun will Sie mir auch noch das Kind aufladen obendrein? Proſt Mahlzeit! Den Vater muß Sie kennen, Madame Fanny, denn wer anders hat ihn mit der Bertha zuſammengekuppelt; an ihn haltet Euch alſo und macht Euch bezahlt für den Wurm, den ich keine Nacht länger unter meinem Dache behalte. Doch was red' ich da! Die Mutter iſt todt, das Kind lebt und will ernährt ſein— alſo kurzweg, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?— Sonſt ſuch' ich mein Recht da, wo ich's auch ohne Euch kriege— beim Niedergericht!
Die Stockelhörnin ſtemmte bei dieſer Frage ihre beiden dicken


