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Das hat ſie nun davon! kreiſchte ein altes Weib aus dem Haufen. Da ſeht den Hochmuth, der noch im Sarge groß thun möchte mit ſeiner vornehmen Unſchuld! Weil's ein Herr Baron war, ein feiner Cavalier, bildete ſie ſich Wunder was auf ihre verlorene Keuſchheit ein und der ſchmucke Matroſe von Helgoland mit der vollen Börſe, der um ſie freite und ſie gar noch im ſiebenten Monat ihrer Schwangerſchaft zum Weibe begehrte, mußte mit Spott und Hohn abziehen, derweil ihr das Röckchen vorn immer kürzer und die Zeit nach der Wiederkehr des vornehmen Liebhabers immer länger wurde. Erſt ſang ſie traurige Lieder, dann wollte ſie beim Graskeller in's
Waſſer gehen, als ob ſich's gar nicht ohne Jungfernſchaft leben ließe,
am Ende aber hat ſie doch dran glauben müſſen, daß die mit dem Baron fort war, und über dem Nachſehen ging ihr zuletzt das Le⸗ benslicht aus.
Ein widerliches Hohngelächter der zunächſt ſtehenden Dirnen und freche Läſterungen gegen die ſchöne Todte im Sarge waren die Ant⸗ wort auf dieſe Grabrede der alten Unholdin; und das gefühlloſe Volk, dem einmal das Stichwort der Rohheit und Unnatur gegeben war, hatte nun gar kein Mitleid mehr mit Einer, die ſo lange gegen jede Gemeinſchaft mit ihm angekämpft, bis der milde Engel des Todes ſie für immer daraus erlöste.
So wurde, was nach einer frommen Sitte damaliger Zeit bei
Todten galt, daß man nämlich die Leiche vor der Beerdigung aus⸗ ſtellte und Freunden und Bekannten den Zutritt geſtattete, im Hauſe der Sünde zu einer Scene der roheſten Art, und ſelbſt der Anblick einer Leiche machte hier keine Wirkung auf dieſe von Laſter und Elend verhärteten Herzen. Niemand beklagte das traurige Schickſal der Ver⸗ ſtorbenen, man ehrte weder ihr Andenken, noch den Ernſt der Stunde; ja, der Ausdruck von Unſchuld und Seelenreinheit in den todten Zügen ſchien die Gemüther noch mehr zu erbittern, vielleicht weil ein dunkles Gefühl ihnen ſagte, daß die Verſtorbene doch beſſer ge⸗ weſen als ſie Alle, und wenigſtens ihre Schmach nicht lange über⸗ lebt hatte.
Eben als die Leichenträger von St. Michaelis anlangten, erſchien auf der Schwelle des Sterbehauſes die hohe Geſtalt einer hagern Frau
allen Ständen Hamburgs für die letzte Pflicht der Pietät gegen den


