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Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
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Todes öde Geſtade!

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terſtube fleißig arbeitet, dringt zuweilen aus einem der Höfe hervor, oder das Schreien eines Kindes, das buhleriſche Lachen und Kichern einer geſchminkten Dirne hinter dem halberblindeten Fenſter eines armſeligenSahles, zu welchem eine ſchmale, gewöhnlich ſehr ſteile Treppe von der Straße aus als einziger Zugang hinaufführt, Alles dies erinnert daran, daß auch hier das Leben noch ſich fortſetzt in ſeinem Schaffen und Ringen, ſeinen Tugenden und Sünden, nur in minder durch den Schein berückender und verſöhnender Geſtalt.

Hier nun, am Kugelsort war es, wo an einem trüben Nach⸗ mittage des Spätherbſtes 1774 eine Anzahl Menſchen aus der unterſten Volksklaſſe, junge und alte Leute von bettelhaftem Ausſehen, die niedere Thür einer der ärmlichſten Wohnungen dieſes Stadtviertels umſtanden und, ohne trotz ihrer zerlumpten Kleider auf den fein herniederrieſelnden Regen und die kalten Herbſtesſchauer zu achten, neugierig in das Innere der Wohnung blickten. Es war ein Haufe des armſeligſten Geſindels und die ekelerregenden Geſtalten mehrerer offentlichen Dirnen bildeten gleichſam die Hefe dieſer aus Schmutz,

Elend und Verworfenheit zuſammengeſetzten Volksgruppe. Theils mit

ſtumpfem Gleichmuth, theils mit dem Ausdruck jener frivolen Neu⸗ gierde in den Mienen, die den rohen Menſchen auch bei dem erſchüt⸗ terndſten Anblick nicht verläßt, ſtarrten Alle auf den auf der Diele ausgeſtellten Sarg, darin ein Mädchen lag, deſſen leidvolle Züge noch im Tode und ſelbſt vor ſolchen Zeugen die rauhe Hand anklagen zu wollen ſchienen, die ſolche reine Roſe knickte! So ſchuldlos lag fie da in ihrem armſeligen Todtenkleide, die Tochter der Proſtitution und des Elendes; und der Unehre letzter Schmuck, in der ſie lebte und ſtarb, ein grüner Rosmarinzweig mit ſchwarzem Bande um das Haupt gewunden, hätte wohl auch ohne die Kenntniß des Leides, welches ihr Herz brach, einen gefühlvollen Menſchen zu der Frage bewegen können, warum ſo viel Lieblichkeit und Anmuth wenigſtens nicht im Tode der jungfräuliche Myrthenkranz zieren, warum der dunkle Rosmarinzweig auf ſo reine Stirne noch im Sarge den Dorn der Verachtung drücken ſolle für ein ſchuldbeladenes, nun für immer

ausgeweintes Daſein? Ach, des Lebens rauhe Woge, wie manche⸗

Perle ſchleudert ſie nicht ungekannt aus der ſchlammigen Tiefe an des