Druckschrift 
Charlotte Ackermann : ein Hamburger Theater-Roman aus dem vorigen Jahrhundert / von Otto Müller
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1.

Am Kugelsort heißt noch heutzutage eine der vielen labyrinth⸗ artig ineinander gewundenen engen Gaſſen Hamburgs, welche unter dem NamenGänge bekannt ſind und ehemals noch mehr wie heute die Quartiere der tiefſten Armuth und Entſittlichung bildeten; dort wo die elendeſte Menſchheit unter der Firma Pöbel und Com⸗ pagniein allen ihren ſchrecklichen und traurigen Schattirungen ſich gleichſam ihre beſondere Stadt des Kummers, der Krankheit und des Laſters inmitten der großen Stadt des Ueberfluſſes und der Herrlich⸗

keit gebaut hat. In dumpfen halbzerfallenen Häuſern oder ſogenann⸗

ten Bauſälen und Höfen, welche letztere meiſt wieder eigene Gaſſen und abgeſchloſſene Winkel bilden, lebt hier der Proletarier Hamburgs ein Daſein, dem vom Glück und der Freude der übrigen Welt eben ſo wenig Glanz beſchieden wurde, als ſeinen feuchten Kellerwohnungen vom Sonnenlicht, welches nur in kümmerlichen Strahlen dieſe trüben Sitze des Elendes und der menſchlichen Entwürdigung beſcheint. Der Fremde, der zum Erſtenmale ſeinen Schritt in dieſes ſeltſam ver⸗ ſchlungene Gewirre von Gaſſen, Gängen und Nebengängen lenkt, die kaum für eine Wagenſpur breit genug ſind, bald in holperigen Ab⸗ ſätzen ſich ſenken, bald wieder hügelartig emporſteigen, wird ſich ver⸗ gebens nach einem Ausweg aus dieſem krummen, engen und winke⸗ ligen Straßenlabyrinth umſehen; ja die Augen der Bewohner blicken ihn eben ſo fremdartig an wie er ſie, ein Beweis, daß er für ſie nicht minder Gegenſtand der Neugierde iſt, als für ihn dieſe ganze fremdartige Umgebung. Bald ſieht er ſich, der noch eben im lauten rauſchenden Gewühle der großen Stadt wandelte, wie durch einen Zauber in ſtille, menſchenleere Bezirke verſetzt; das geſchäftige Leben,

das Drängen und Treiben weicht einer tiefen Monotonie; nur das Hämmern und Klopfen des kleinen Handwerkers, der in dunkler Hin⸗