Druckschrift 
Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
Einzelbild herunterladen

450

Es war am Abende des 8. Junius 1794, als ein ele⸗ ganter Reiſewagen, in welchem zwei Herren und eine junge Dame ſaßen, auf der öſtlichen Landſtraße der Univerſitäts⸗ ſtadt Göttingen zufuhr. Ein Gewitter, das noch im Hin⸗ tergrund der Landſchaft ſtand, hatte eben die ſchwüle Luft abgekühlt und wieder beſchien die Sonne die erquickten Fluren. Es war ein köſtlicher Sommerabend, überall ſchlugen in den friſchen Büſchen die Nachtigallen, die Wie⸗ ſen dufteten im Abendſonnenſchein, und die ſchlanken Pap⸗ pelbäume auf beiden Seiten der Straße ſchüttelten die vom Regen genetzten Aeſte.

Gib Acht, Guſtel, jetzt gleich werden wir Göttingen zu Geſicht bekommen, noch dort um die Waldecke herum, ſo ſiehſt Du's in der ſchönſten Abendbeleuchtung, und dann haben wir noch ein paar Minuten bis zum Ziele

Bis an's Herz meines Bürger's, ſagte der andere Mann mit vor Freude zitternder Stimme.O Göckingk! Göckingk! Was wird das für ein Wiederſehen geben!

Dieſer hob gerührt beide Hände empor, ſeine Augen wurden feucht:

Was wäre denn auch dieſes Leben, lieber Stolberg, wenn es nicht dann und wann einmal ſolch' eine Stunde darin gäbe, die uns für jahrelanges Ungemach enſchä⸗ digte.

Das anmuthige Mädchen ergriff ſeine Hand und ſagte:

Nicht wahr, lieber Vater, ich darf gleich mit Dir zu Herrn Bürger fahren und dabei ſeyn, wenn er Dich ſieht?

Göckingk nickte ihr lächelnd zu:Das verſteht ſich, erwiederte er, und nach einigem Beſinnen fügte er hinzu:

Wie meinſt Du, Stolberg, wenn wir ſchnurſtracks, ohne erſt am Gaſthof anzuhalten, nach Bürger's Haus führen? Ich habe mir einen andern Plan ausgedacht, verſetzte