— 444— mehr ich fühle, wie das Leben ſich mählig von mir ablöſt, wie ſo ein Sinn nach dem andern in mir müde wird, um ſo gewiſſer iſt mir's, daß ich das Sterben gelernt habe. O mein Freund! Ich mein' es oft zu empfinden, wie für mich gar keines Bleibens mehr iſt. Je mehr die Eindrücke des äußern Lebens neuerdings in mich hineinſtrömen, je mehr Alles, was belebend wirkt auf die Sinne: Blumenduft, Töne, Sonnenſchein, ein heiterer Wolkenzug, all die freund⸗ lichen Erſcheinungen, mit denen das Leben die ungeduldige Sehnſucht nach einem beſſeren Zuſtand zurückhalten und be⸗ friedigen möchte, mir nicht ſowohl als Eindrücke und Wahr⸗ nehmungen des Irdiſchen, ſondern vielmehr als Ahnung eines andren Daſeyns entgegen treten, um ſo mehr dröhnt durch mein ganzes Nervenſyſtem eine Empfindung, die all dem widerſtrebt und es unwillig von ſich ſtoßen möchte. Und je heller es in mir wird, mit um ſo dunkleren Augen ſieht mich oft die ganze Natur an, als wolle ſie etwas in mir ergründen, wofür ich keinen Namen weiß; ich hab' ein Verlangen nach Sonne, das ich Dir nicht beſchreiben kann, und wenn ſie da iſt, mein' ich in ihren Strahlen zu ſehen, wie meine Seele ihnen ſchon angehöre und mit ihnen am Abend zum Urquell des ewigen Lichtes zurückkehren werde. Ah! Wenn das Sterben iſt, warum lebt man denn ſo lange?“
„Spriih nur weiter, lieber Bürger,“ ſagte Junghof ge⸗ rührt.„Du kannſt Deinem Arzte keine angenehmere Mit⸗ theilung machen.“
Bürger blickte ihn ruhig an.
„Mag ſeyn, daß ich mich täuſche,“ verſetzte er nach einer Pauſe.„Vielleicht iſt, was ich als Geſühl des nahen To⸗ des betrachte, Wiederkehr der Geſundheit, Wirkung der Geneſung. Aber Eins verſprich mir, Junghof, ohne wel⸗ ches Eins ich dieſes Gefühl, wie Du es auffaſſeſt, nimmer
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