Druckschrift 
Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
Einzelbild herunterladen

4

437

wir mit einem ſo traurigen Geſchäft? Dieſe Ehe iſt von Anfang bis zu Ende eine baare Ironie auf Bürger's ſchickſalsvolle Vergangenheit; ſelbſt das Tieftragiſche ihrer Geſchichte wird geſtört, ja zuletzt völlig aufgehoben durch die nüchternſte Nüchternheit der Conflicte und Ereigniſſe, aus denen ſie zuſammengeſetzt iſt, und nur das Auge der Proſa mag ſich daran ergötzen oder ſie beweinen. Aus einem idealen Himmelstraum wurde ein Werkeltags⸗Spek⸗ takel; und zwei Menſchen, die ſich aus ſo weiter Ferne zuſammengefunden, und deren endliche Verbindung von ſo auffallenden Umſtänden begleitet geweſen war, daß beinah' Jedermann, außer ihnen ſelbſt, ein böſes Ende prophezeite, ſahen ſich nach Ablauf eines Jahres genöthigt, das unter ſo ungewöhnlichen Bedingungen geſchloſſene Band, dem von Anfang an die ſchönſte Reminiscenz einer jeden Liebe, dem das Herzensgeheimniß fehlte, durch den Richterſpruch trennen zu laſſen. Was man unter den holden Auſpicien der Sympathie und der Seelenverwandtſchaft ſo zuverſichtlich wagen zu dürfen geglaubt hatte, was man ſo glücklich durch alle Zaubergeheimniſſe der Romantik Angeſichts der ganzen lie⸗ ben deutſchen Population durchgeführt hatte es mußte zuletzt durch das weltliche Geſetz für null und nichtig er⸗ klärt, es mußte abermals beſtätigt werden, daß ein Witt⸗ wer mit zweiundvierzig Wintern auf dem Rücken und ein Mädchen von zwanzig Lenzen im Blut, ſehr viel riskiren, wenn ſie ſich auf bloße Sympathie hin zu einer Heirath entſchließen. Es gibt Verhältniſſe im Leben, wo der Phi⸗ liſter zuletzt immer Recht behält; und dahin gehört denn

aauch unter Anderem das angedeutete Verhältniß. Wir

erfahren's ja tagtäglich, wie die Reue faſt an jedem Ziele ſitzt, auf das der Menſch im blinden Wahne eines Her⸗ zensbedürfniſſes losſtürmt.