Druckschrift 
Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
Einzelbild herunterladen

423

derte ſie mit liebenswürdiger Munterkeit und zog ihn la⸗ chend nach dem Fenſter.Solche Sachen, wie Sie mir ſeither in Ihren Briefen geſchrieben haben, wollen nicht allein, wie geſtern Abend, beim Licht nein, die müſſen auch beim hellen Tag betrachtet werden!

Mit dieſer Naivetät konnte man allerdings bei Bürger viel ausrichten; und wirklich ließ er's auch ohne Widerrede geſchehen, daß die ſchönen Augen ſeine Perſon einer zwar

kurzen aber ſtrengen Kritik unterwarfen, die, wie es ſchien, ganz zu ſeinen Gunſten ausfiel, da Eliſe ihm ſofort mit vielem Ernſte bekannte, daß ſie ſich ihn ſo, gerade ſo ge⸗ dacht habe.Nur was Ihre Augen anbelangt, theurer Bürger, darüber muß ich noch mein Urtheil fürs Erſte zu⸗ rückhalten, ſagte ſie mit liebenswürdiger Treuherzigkeit und ſah ihm dabei recht tief in die Augen.Denn in ſolche Dichteraugen muß man lange, ſehr lange ſehen, bis man weiß, was dahinter iſt! fügte ſie ſchalkhaft hinzu.

Man iſt mit Recht gegen ſie mißtrauiſch, zumal wenn der, dem ſie angehören, Einem iws Geſicht ſagt, daß dieſe Au⸗ gen ſchon manchem Frauenzimmer gefallen hätten. Gott ſey Dank! Sie iſt ſchon eiferſüchtig! rief Bür⸗ ger, über und über entzückt und nahm das ſchlanke anmuthige d Kind in ſeine Arme, indem er es ganz, als müſſ es ſo ſeyn, tüchtig abherzte. Eliſe proteſtirte zwar feuerroth gegen ſeine Küſſe, meinte, daß ſie ſich erſt näher müßten kennen lernen, aber Bürger war der Anſicht, dies ſey der beſte

Weg und die vernünftigſte Einleitung zu einer näheren

perſönlichen Bekanntſchaft, und ſie war nicht das Mädchen,

das einem Bürger gegenüber Alles beſſer wiſſen wollte. Sie ſchlang vielmehr mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm ihren

Arm um ſeinen Hals, preßte ihn innig an ſich und das

warnende:Gemach! Gemach, Kinder! der Mutter, die