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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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„Sie ſind oben bei dem Kranken“ dachte er, und ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter. Er wollte warten, bis Jemand käme, der den Schwiegervater von ſeiner Ankunft benachrichtige, denn unvorbereitet wagte er nicht vor ihm zu erſcheinen. Er ſelbſt fühlte ſich äußerſt beklommen in der ſtillen Stube, und ernſt ſah ihn ſein Portrait an der ” Wand in goldenem Rahmen an, als wolle es ſagen: Ich bin nicht du. Da hörte er Schritte auf der Treppe, es war Molly's Stimme, und in dem:„Ja wohl, Mam⸗ ſellchen“ erkannte er, daß ſie mit Friedrich ſprach. „Geh' ihm bis an den Wald entgegen,“ ſagte ſie;„und wenn er Dich ſieht, wird er ſchon wiſſen, was in Niedeck ſeiner wartet.“ Bei den letzten Worten hatte ſie die Thüre geöffnet; aber ihr Geſicht war noch zu dem Knecht gewendet; und erſt als dieſer durch die geöffnete Thüre Bürger's anſichtig wurde und uͤbervaſcht in die Stube deutete— wandte ſich Molly um. Sie war bleich wie der Tod, kein Blutstropfen in ih⸗ rem Antlitz. Aber kein Zeichen der Ueberraſchung und des Staunens gab ſich in ihren Mienen, ihrer Bewegung kund, als ſie Bürger's anſichtig wurde. Sie gab ihm die Hand, ſie ließ ihm die Hand, und ihr großes Auge blickte ihn lange ſtumm und glanzlos an. „Todt?“ fragte Bürger erſchüttert. „Ich kann nicht weinen,“ erwiederte ſie mit einer Stimme ohne Klang, und ein Fröſteln durchſchauerte ihren Körper. Bürger führte ſie auf das Sopha. Sie legte ihr Haupt ſchwer auf ſeine Schulter und ſeine Hand feſt zwiſchen die ihrigen gedrückt, die kalt waren wie Eis, blickte ſie ſtarr vor ſich hin. „Rede doch, Molly!“ flehte Bürger in namenloſer Angſt.