— 47—
Lieblichkeit, du, der du es tauſendmal in deiner wilden
ſinnloſen Leidenſchaft durch freche Lüge vor Gott und dei⸗
nem Herzen entehrt und getrübt haſt? Er dachte an ſeine
Brautnacht— an die ungeheuere Lüge, mit der er damals
in Dora's Armen ſeine Molly beſaß, auf Dora's Lippen in ſeiner Molly ſüßeſten Küßen geſchwelgt hatte.
Das war Bürger nicht gegeben, ſich Qualen zu er⸗ ſparen und Vorwürfe, die nur in einem ſo fein organiſir⸗ ten Gemüth einen Widerhall finden konnten. Er hatte Stunden, wo er ſich die Hände hätte rein waſchen mögen von dem Mord einer Blume, von der Entweihung eines ſchönen Gedankens; und in ſolchen Stunden einer räthſel⸗ haften, namenloſen Angſt hätte er ſeine Seele dahingegeben, nur um ſie ohne Reue aushauchen zu können. Wohl ſelten hat ein Gemüth von dieſer heiteren, leichten Verfaſſung ein ſo ſchwerfälliger, lähmender Hypochonder bedrängt, als das unſers Dichters. Naiv, wie den Freuden des Lebens, uͤberließ er ſich dann den düſtarſten Gedanken, und die außerordentliche Reizbarkeit ſeiner Nerven, verbunden mit einer leicht erregbaren Fantaſie und der Luſt, ſich mit allen Dämonen ſeines Inneren herumzujagen, plagte und betäubte ihn nicht ſelten bis zum Uebermaß. So war es wenig⸗ ſtens früher geweſen; und ſeine Freunde nannten ihn dann einen indiſchen Fakir, der ſich die Nägel ſeiner zuſammen⸗ gepreßten Hände in's Fleiſch wachſen laſſe.
In dieſer Nacht war Bürger glücklicher, wie er dann
„ überhaupt von dem Moment an, wo Molly„wie ein Stern vom Himmel in ſein Leben fiel“ ſolcher trübſeligen Hypo⸗ chondrien leichter Meiſter ward, da ſein äußeres Daſeyn und die neue Lage der Dinge um ihn herum ihn bald and Hallloſe einer ſolchen ſublimen Empfind⸗ Aichteit aufflarten. Das Schickſal nöthigte ihm hald die


