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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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Jenes unheimliche Erlebniß an dem Altar zu Niedeck, deſſen Erinnerung er ſeither immer, wie ein Schrecken ohne Ende von ſich gewieſen hatte, erſchien ihm mit ein⸗ mal in einer ganz anderen Bedeutung; und von ihm, wie aus einem Brennpunkt gingen aus und kehrten dahin zurück alle Radien ſeiner Fantaſie und Sehnſucht. Hier fand er das Loſungswort ſeines Lebens; hier entwirrte ſich ihm klar und einfach zum holdeſten Glück das grauſe

Verhängniß, das ihn zu vernichten gedroht hatte; hier rechtfertigte eine höhere Autorität auch eine höhere Welt⸗ anſicht, und bald ſtand er mit allen Sophismen und Evangelien ſeines Herzens auf einer Höhe, wo er ſich und ſeine Liebe ſicher wähnte vor allen Satzungen und mora⸗ liſchen Zuthaten des gewöhnlichen Lebens, ſelbſt ſicher vor den Conflicten ſeines Inneren und der mahnenden Stimme ſeines Gewiſſens. An dem Altare zu Niedeck hatte ſich ja ſeine Seele in unſterblicher Liebe mit Mollzzg Seele vermählt, dort hatte er ja, a ihr hinüber, für Zeit und Ewigkeit das Wort der Treue geſprochen und die einzige

Liebe ſeines Herzens in Gebet und Ahnung zur heiligen Weihe ſeines Geiſtes erhoben. War es auch Dora's Hand geweſen, die der Prieſter ſegnend in die Seine gelegt hatte, war er auch durch den Ausſpruch der Kirche vor der Welt ihr Mann,— Bürger hielt ſich nicht für verpflichtet, eine Autorität anzuerkennen, die ſo unverzeihlich irrt, und ſich ihrem tyranniſchen Geſetz zu fügen.— Sein Tempel war die Gartenlaube von Niedeck. Dort hatte ihm, dem Geäng⸗ ſtigten, dem Bedrängten der unerforſchliche Himmel in Molly ein ſichtbares Zeichen geſandt— dort in dem Gethſe⸗ mane ſeines Lebens war ihm Verheißung geworden, und Molly ſelbſt— als hätte auch ſie dieſen Moment, der ſie auf ewig von ſeinem Herzen zu reißen drohte, in ſeiner