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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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Eiszapfen an dem grünen Tannenbaum vor dem Fried⸗ hofs⸗Thor ſchlugen leiſe im Wind klingend aneinander. Bürger's Empfindung ſtimmte trefflich zu der melancholi⸗ ſchen Umgebung; und wie er es ſchon als Kind geliebt hatte, einſame Orte, die einen romantiſchen Charakter hat⸗ ten, aufzuſuchen, in wilder ſchweigſamer Natur zu wandeln und ſich den Schauern der Oede und Dämmerung zu überlaſſen, ſo war auch dem Manne dieſe Neigung geblie⸗ ben und wohl hauptſächlich Veranlaſſung geweſen, daß er am äußerſten Ende des Dorfes, dicht neben der Kirche, eine Wohnung bezogen hatte. Das eeine Fenſter ſeiner Arbeitsſtube, an dem er oft halbe Nächte verweilte und ſich der angenehmen erſchütternden Empſindung überließ, die der melancholiſche Ort in ihm erweckte, ging nach dem Friedhof, der heute im tiefen Schatten der Kirche lag. Und in der That war die Umgebung, trotz der ländlichen Idylle und Einfachheit, reizend abenteuerlich, und mußte auf eine Fantaſie, wie die unſers Dichters, allen draſtiſchen Zauber der Romantik ausüben. Da das Mondlicht auf der entgegengeſetzten Seite durch die Fenſter in die Kirche fiel, ſo konnte man durch die runden Scheiben der hohen, ſchmalen Fenſter, welche nach dem Amthaus gingen, in das Innere der dämmernden Kirche ſchauen, hinter deren Pfei⸗ lern der Mondſchein wie mit leiſem Geiſterſchritt zu wan⸗ deln ſchien. Deutlich unterſchied man zur Seite der Or⸗ gel den aus Holz geſchnitzten und gemalten Engel mit der goldenen Poſaune des jüngſten Gerichts an dem Mundez und auf dem Leſepult der Kanzel lag die große ſchwarze Bibel aufgeſchlagen, wie der Prieſter einer unſichtbaren Gemeinde. Auf dem Friedhof ſelbſt, der an der Straße mit einer Einfaſ⸗ ſung von kunſtlos übereinander gelegten Feldſteinen ver⸗ ſehen war, ſtanden mehre Tannenbäume, deren Schatten

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