Druckschrift 
Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
Einzelbild herunterladen

36

Vermögen ihrer Combination; ſie konnte ihn wohl ehemals neckend ausſprechen, ihn ſogar als einen willkommenen heiteren Anlaß zu verliebtem Schmollen und ferſuͦchtiger Tändelei feſthalten, aber ihm Sitz und Stimme im In⸗ nerſten ihrer Seele zu geben, ihn zur Anklage gegen den Mann ihres Herzens zu erheben, das konnte ſie nicht! Eine unedle That zu denken, wäre für dieſe reine Seele ſelbſt eine unedle That geworden, und ſie hätte mit ſich anfangen müſſen, um dahin gelangen zu können, den Begriff Menſchheit ſo niedrig zu faſſen.Alle Menſchen ſind gut, und die beſten ſind, die das wiſſen, war die Schlußphiloſophie ihres Herzens, und den Mann ihrer Liebe, einer Liebe, die ihre ganze Seele ausfüllte mußte ſie noch für beſſer halten.

Shavarnnen hatte ſie nie gelernt noch weniger gekonnt. Das innigſte Gefühl war ihr immer das klarſte, der be⸗ wegteſte Zuſtand ihres Gemüthes zugleich auch der ruhigſte. Vürger trat ihr entgegen, wie nur immer einem edlen hochherzigen Weibe ein edler großer Mann nahen kann. Sein Ruhm, ſein Schickſal und die hohe Milde ſeiner Er⸗ ſcheinung rührten und entzückten ſie auf das Tiefſte. Mehr wahr als klug verabſchiedete ſie, noch ehe Bürger ein näheres Verhältniß eingeleitet hatte, einen reichen, ſeither von ihr begünſtigten Gutsbeſitzer aus Waldeck, der ihr ſo⸗ 4 gar ſpäter, da man ſie als Wittwe eines noch lebenden Mannes betrachten konnte, zum Zweitenmal ihre Hand an⸗ geboten haben ſoll, und wählte den armen Juſtitiarius* von Altengleichen, wählte ſein Strohdach, ſeine Dürftig⸗ Ni ſeine ungewiſſe Zukunft, und das Alles mit dem

laren Bewußtſein, daß auf Bürgers Beſitz das erſte und letzte Glück ihres Daſeins geſtellt ſey. Aber Bürger konnte den Beſitz dieſes trefflichen Weibes nicht ſhagan und de 5