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Bürger : ein deutsches Dichterleben / Roman von Otto Müller
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Händen. Nach der Sitte damaliger Zeit brannten zwei Wachskerzen auf dem Altare. Der alte Schullehrer, ein Freund unſeres Dichters und mit vielem aus ſeinen Wer⸗ ken bekannt, ſpielte den Choral:Du, o ſchönes Weltge⸗. bäude, Bürger's liebſtes Kirchenlied.

Dann ſprach der Prieſter in ſchlichten Worten von der heiligen Bedeutung dieſer Stunde für Gegenwart und Zukunft. Innigkeit und Wärme des Gefühles erſetzten ſeiner Rede, was ihr an Eleganz des Ausdruckes und an Originalität der Gedanken abging, und alle Zuhörer waren ſichtbar bewegt, als er mit einem kurzen Gebet für das Glück und den dauernden Frieden dieſes neuen Liebesbundes ſchloß. Dann ſchritt er zu dem eigentlichen Akt der Trauung, der ſacramentaliſchen Einſegnung durch die Kraft und Weihe der Kirche; er ſprach die Formel und forderte dann mit den Worten der Agende zuerſt den Bräutigam auf:zu einem lauten andächtigen Ja. Keine Antwort. Bürger hörte ihn nicht. Seine Seele war in ſeinen Augen. An die Säule gelehnt, welche die Emporbühne ſtützte, dort wo der goldne Sonnenſtrahl trunken ſich verlor in dem Glanze, der, wie die lichte Nähe eines ſichtbaren Engels von ihrer entzückenden Erſcheinung ab in die Seele Bürger's fiel, ſtand Molly, ihre Hände, zwei Blumen auf dem jungen, zitternden Buſen zuſammengefalten, mit vorgebeugtem Körper und angehaltenem Athem, die Lippe halb geöffnet, und das Haupt lauſchend zur Seite gewen⸗ det, daß die glänzenden Locken ihr Antlitz halb verſchatteten. Wie ſie ſo daſtand, vom Scheitel bis zur Sohle regungs⸗ los, ſchien ſie eine in dieſem Augenblick vom tönenden Pfeill des Gottes erreichte und zugleich in Marmor verwandelte Nio⸗ bide, von deren Antlitz ſelbſt der Todeshauch nicht ganz den letzten Strahl der Hoffnung verwiſchen konnte.

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