Mit dieſen Worten nahm ſie ein weißes Tuch ausein⸗ ander, und legte vor den erſtaunten Schwager eine wun⸗ dervoll geſtickte Hochzeitsweſte von weißem Atlas, auf wel⸗ chen ſie in der That eine ganze Idylle von Maienwonne und Blüthenpracht gezaubert hatte. Es war eine überaus reiche und prächtige Arbeit, ein wahres Meiſterwerk von Sinnigkeit, Geduld und Anmuth.
„Das iſt mein Gedicht!“ rief ſie mit leuchtenden Augen; „und es ſteht deinem„Dörſchen“ gewiß nicht nach an Naturtreue und Farbenſchmuck. Aber das Beſte davon ſieht man nicht einmal; denn ich hab's hinein gezaubert und du wirſt es fühlen, ſo oft du die Weſte an haſt. Da kann kein Herzleid hindurch, alle Pfeile des Schick⸗ ſals prallen von ihr ab, alle Sorgen des Lebens brechen ſich an ihrem Schimmer, wie die Woge am grünen Blu⸗ menſtrand.“
Bürger betrachtete mit Rührung die holde Gabe ſei⸗ ner jungen Freundin. Er überſchlug die lange Zeit und Geduld, welche ſie auf dieſe mühevolle Stickerei verwendet hatte, und da er wußte, wie wenig ſonſt ihr lebhaftes Temperament zu dergleichen ausdauernden Geduldproben inelinirte, ſo erſchien ihm dieſes Geſchenk doppelt werth, als ein theures Zeichen, daß ſie um ſeinetwillen ſelbſt das Schwerſte überwunden habe.
Das liebliche Mädchen mochte dieſe Betrachtung erra⸗ then haben und ſagte darum:
„Nun ſiehſt Du, was ich nicht Alles kann! Ich hatte mir's vorgenommen und ſo mußt' es auch durchgeſetzt wer⸗ den. Ihr Alle nennt mich einen Flattergeiſt! Aber ich kann mehr, als ihr wißt, und wenn dir nur dieſe Weſte gefällt, ſo wird ſie für mich eine große Lehre ſeyn.“
„Und die wäre?“ fragte Bürger geſpannt.


