Teil eines Werkes 
2. Th. (1860)
Entstehung
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Statue bilden und modeln ſoll, zu einer Statue, die, ſelbſt wenn ſie hinter des Schöpfers Vorſtellung zurückbleibt, doch ſeinen Nebenmenſchen die ſchöne Idee verkörpern wird. Und die Liebe in ihrer göttlichen Nympholepſie ſtrömt dem Weibe denſelben Geſang leidenſchaftlicher Sehnſucht zu, der zugleich ein Aufruf und eine Klage iſt. Sie brennt vor Ver⸗ langen, zu finden, ſo wie die Kunſt darauf brennt, zu ſchaffen.

Weniger ernſt, obwohl nicht weniger innig in ihrer wilden Sehnſucht, erzittert ſie bei dem glühenden Wunſch, bei dem ſchmerzlichen Bedürfniß, in einem andern Geiſt das verwandte Weſen ihrer eignen Huld, das Abbild ihrer eignen Zärtlichkeit zu finden. Und doch, wenn der Tita⸗ niſche Künſtler, er, der den Moſes ſchuf, die Ohnmacht ſeiner Hand beklagt, die Idee, welche ſeine Seele erfüllt, aus dem Stein auszumeißeln, wie oft muß dann auch die höchſte Liebe, des Mannes, wie des Weibes, über ihr ohn⸗ mächtiges Bemühen trauern, ihr eignes Spiegelbild in einem andern Geiſte wiederzufinden. Wenn wir in Liebe nach der Liebe glühen und ſchmachten, ſind wir ja täglich und ſtündlich in einer demüthigen, obwohl meiſt unbewußten Nachahmung des großen Florentiners begriffen, ein unge⸗ ſprochnes Sonnet an das Weſen zu richten, welches die Idee der Liebe verkörpern ſoll, die unſre Seele aus ſich

ſelbſt zu geſtalten ſucht.