Teil eines Werkes 
2. Th. (1860)
Entstehung
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Michelet erzählt uns von Michel Angelo,daß derſelbe jeden Abend nach ſeiner einzigen täglichen Mahlzeit von ein wenig Brod und Wein, ein Sonnet dichtete, immer über daſſelbe Thema, über die ohnmächtige Anſtrengung der Seele, ſich aus ihrem urſprünglichen Block gleichſam auszumeißeln, zu befreien und über die Schwierigkeit auf die ſie ſtößt, die Idee, welche der Gegenſtand ihres Trach⸗ tens, ihres ſtrengen Gelübdes iſt, von dem Marmor ab⸗ zulöſen.

Und nicht nur von dem Marmor ſuchen wir die Idee abzulöſen. Das Herz fühlt daſſelbe ruheloſe Sehnen, wie

der Geiſt. Liebe und Kunſt ſtreben beide ihr eignes inneres

Ideal von den Dingen außerhalb ihrer ſelbſt unabhängig zu machen. Die Kunſt dichtet ihr Sonnet vor dem Mar⸗ morblock, deſſen rohe und geſtaltloſe Maſſe bis jetzt noch die Form unſterblicher Majeſtät und Schönheit verbirgt, welche doch ſchon deutlich und vollkommen in den Träumen

des Genius ſtrahlt, und welche des Künſtlers Hand zur 1*