Teil eines Werkes 
1. Th. (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

195

Dämmerſchein des anbrechenden Abends und in der Feier⸗ lichkeit der Nacht. Ihr Bild malte mir die Farben des Sonnenaufgangs mit zarterem Roth und reinerem Perlenglanz, verlieh der Sonne eine tiefere Glorie, wenn ſie in den weiten, ſtillen Buſen der ſchwellenden See verſank; es gab den Myriaden Sternen eine größere Helle und heiligte das klare, ſanfte Silber des ſommerlichen Mondes, wenn er den Himmel ſchmückte und zugleich die raſtlos flimmernde Woge und die ruhig ſchlafende Erde liebend küßte.

Und dennoch glaube ich kaum, daß ich wahrhaft glück⸗ lich war. Glück iſt vielleicht nicht das rechte Wort; denn Glück, in Verbindung mit der Liebe gedacht, iſt hoffnungs⸗ voll; es blickt ſehnſüchtig vorwärts, hat ein beſtimmtes Ziel und iſt voll Leben, Energie und Drang. Ich war in das ſüße Schmachten eines ekſtatiſchen Traumes verſunken, aber immer beunruhigte mich eine unbeſtimmte Furcht, zu er⸗ wachen; ich fühlte mich unſicher durch eine gewiſſe Empfin⸗ dung der Unwirklichkeit dieſes Zuſtandes, der Ueberzeugung, daß ſolch' ein Segen für mich nicht dauern könne. Ich verſuchte, ich ſtrengte mich an, mich von dieſem Gefühl los zu machen, aber es gelang mir nur durch die beſtändige Bemühung, durch den fortdauernden Vorſatz, den vollen Traumeszauber der ſchönen Illuſion aufrecht zu erhalten.

Mit meiner Freude kämpfte das Bewußtſein, daß der Traum 13*