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Der Fuß des kleinen Saͤulengebaͤudes war vom Ocean, der ſein Eigenthum zuruͤckforderte, aus⸗ gewaſchen, aber uͤber ihm thronte es noch in ſtiller Groͤße. eucippe nahte zitternd; ihr Herz ſagte ihr, wo ſie war. Sie ſank nieder am Eingang; hier einen Schritt zu wagen war gefaͤhrlich, war wenigſtens bedenklich. Der Fußboden war ein glatt polirter Marmorſpiegel; hier konnte nur der von jeder Kleidung entbloͤßte, dreimal im heiligen Quell gebadete, reine Fuß feſte Tritte faſſen.
Leucippe feierte die heiligen Gebraͤuche, die ihr eigenes Gefuͤhl ſie lehrte, und trat ein. Tiefe Stille umgab ſie; ſelbſt das Getoͤſe der zuͤrnen⸗ den Wogen hoͤrte man hier nicht; die Einſam⸗ keit vermehrte ihren Schauer. Sie ſah rund umher: uͤberall Oede und die hoͤchſte Einfalt. Ihre Augen ſuchten das Goͤtterbild, vor dem ſie knieen wollte; ſeine Stelle mitten im Tempel behauptete ein unebener, geſtaltloſer, ſchwarz⸗ grauer Stein.— Sie ſank vor ihm nieder: „O du, die niemand ſah, die niemand vernahm, „ſo deutlich ſich auch dein Bild der Seele mahlt,


