Teil eines Werkes 
3. Bd. (1815)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

50

und den Schlaf einer ganzen Nacht, ihr zu Eh⸗ ren, an die Verfertigung eines Klagelieds abtrat.

Die Wittwe hatte ſich verlauten laſſen, daß ſie der Naͤhe ihres verſtorbenen Gatten eine Staͤrkung verdanke, welche ihr ſeit ſeinem Tode abgegangen ſei, und daher den Kirchhof von nun an jeden Nachmittag beſuchen wuͤrde.

Der Steuerrath ließ das nicht außer Acht, beſonders des Gedichtes wegen. Es ſchien ihm ausgemacht, daß der Geiſt der Wittwe die Kla⸗ gen ſeiner Poeſie beſſer muͤſſe wuͤrdigen koͤnnen, als die ſchlaͤfrige Bedientenſeele, deren Ohr der Nothnagel war, an dem er ſeit dem ungluͤckli⸗ chen Todesfalle ſeine Verſe aufzuhaͤngen pflegte.

Er hatte ſich nicht geirrt. Die Wittwe war uͤber Erwarten entzuͤckt von ſeinem Gedicht. Sie zweifelte, daß je ſo'was Vortreffliches aus irgend einer Feder gefloſſen ſeyn koͤnnte, und wenn er auch ganz gehorſamſt bat, daß ſie ihn damit nicht gar zu ſehr beſchaͤmen moͤchte, ſo mußte er ſich auf der andern Seite doch geſtehen, daß kein Menſch auf der Welt einen ſo richtigen Sinn fuͤr Poeſie und ſolchen Beruf zur Kunſt⸗ richterei haͤtte, als die ſchoͤne Wittwe.