Teil eines Werkes 
3. Bd. (1815)
Entstehung
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freundlich zu entfernen, als Angelika im Ueber⸗ maß ihrer Freude unbeſonnen herzuſprang, und mich faſt mit Gewalt zu ihm zog, indem ſie rief: So freue dich doch nur mit mir! das iſt ja der Bruder, von dem ich dir ſo viel erzaͤhlt habel Ich ſtand aͤußerſt verlegen da; auch er ſchien ſehr uͤberraſcht, faßte ſich aber genug, um mir nur einige fanfte Worte zu ſagen, die ſeine Schweſter entſchuldigten, meiner Schuͤchternheit ſchonten, und tief in mein Herz drangen. In⸗ dem trat die Aebtiſſin herzu, faßte mit Anſtand meine Hand, und entfernte ſich mit mir, unter dem Vorwande, man muͤſſe Geſchwiſter, die einander ſo lange nicht geſehn, ohne Zeugen ih⸗ re Herzen gegenſeitig ausſchuͤtten zu laſſen. Die ganze Scene hatte gewiß nicht fuͤnf Minuten gedauert, aber mein ganzes Innere war durch ſie erſchuͤttert und in Verwirrung geſetzt ich nahm die Keime einer grenzenloſen Leidenſchaft und tauſendfaͤltiger Leiden mit hinweg.

Der Tag der Abreiſe kam. Ich hatte nicht gewagt ſelbſt gegen meine Freundin nicht im geringſten merken zu laſſen, was in mir vor⸗ gehe, und ſie ſelbſt war jetzt zu unruhig, um