Teil eines Werkes 
2. Bd. (1858)
Entstehung
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Sollten Sie dieſen Fall wirklich ſo beurtheilt haben, Fräulein? fragte der Doctor ſpöttiſch, fuhr aber dann wieder ganz ernſt fort:Wenn Sie es mir erlauben, will ich Ihnen den ganzen Verlauf dieſes ſogenannten Mißver⸗ ſtändniſſes und ſeiner Hebung ausführlich erzählen, denn das iſt eigentlich der Grund meines Beſuches.

Ida zitterte und wagte nichts zu erwiedern; ſie be⸗ griff den Doctor noch nicht ganz. Dieſer erzählte indeſſen ruhig die ganze Geſchichte, wie man Egmont und Marie zu trennen geſucht hatte, wobei er nur von einer ungenann⸗ ten Dame als Urheberin der Intrigue ſprach; er ſchilderte lebendig und beredt, malte in den dunkelſten Farben und nannte endlich offen, als ſpreche er von etwas ganz Ge⸗

wöhnlichem, das Jedermann bereits wiſſe, den Namen Ida

von Gilgenbruck in nicht ſehr ehrender Weiſe.

Ida zuckte tief betroffen zuſammen, dann zweifelte ſie auch bereits nicht mehr, daß der Doctor eine ihr ganz un⸗ begreiflich genaue Kenntniß ihres eigenen Thuns habe, ſo war die beleidigende Art, wie er zu ihr ſelbſt ſprach, doch ſo ungewöhnlich, ſo aller Höflichkeit widerſprechend, daß ſie dieſelbe nicht ferner dulden zu dürfen meinte.

Herr Doctor, ſagte ſie, ſich in angenommenem Stolze erhebend, obgleich die Beſchämung ſie tief nieder drückte,Ihre Sprache iſt ſo beleidigend, daß ich dieſe nicht länger anhören kann.

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