Teil eines Werkes 
2. Bd. (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Herzen an. Als Marie mit dem Doctor vor ihrer Trauung auf dem Schloſſe eingetroffen war, hatte ſie Egmont nach einer zärtlichen Begrüßung ſeiner Mutter zugeführt, die ſie im Geſellſchaftsſalon erwartete. Die hinreißend ſchöne Erſcheinung Marien's, die an dieſem Tage durch ihren reichen Brautſchmuck noch gewann, verfehlte auch auf die Gräfin nicht ganz ihre Wirkung, und als ſie das Mädchen mit ſicherem Anſtande, wenn auch in banger Beſcheidenheit, auf ſich zukommen ſah, erſchien ſie ihr nicht mehr als die niedrige Förſterstochter, ſondern allein als die Braut des Sohnes; Gräfin Eleonore hatte einen Augenblick ihre Abneigung gegen die von Egmont Erwählte vergeſſen und ſchloß ſie mit inniger Zärtlichkeit in die Arme; die erſten Worte, die ſie mit Marie wechſelte, belehrten ſie auch, daß dieſe den Platz, auf den ſie gehoben werden ſollte, genügend würde ausfüllen können. Nun aber trafen der alte Theißen und ſeine Frau ein, und der ſchöne Traum der Gräfin, dem ſie ſich eine Weile hingegeben hatte, war zerfloſſen; ſo ſehr ihr Gerechtigkeitsſinn auch die Biederkeit der beiden alten Leute ſchätzen mußte, erſchienen ſie ihr doch in ihrer zurückhaltenden Beſcheidenheit und Befangenheit als ein höchſt unangenehmer Zuwachs zu ihrer Familie; aber die Gräfin war zu ſehr Frau von Welt, um ihre Empfin⸗ dungen nicht beherrſchen zu können, und Theißen und Frau Martha zu wenig ſcharfe Beobachter, um etwas