Teil eines Werkes 
1. Bd. (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

35

aber war ihr Herz belaſtet. Als ſie von den Eltern für die Nacht Abſchied genommen und ſich in das Giebelſtüb⸗ chen begeben hatte, das ihr zum Schlafzimmer diente, ſank ſie ermattet auf einen Stuhl nieder und verhüllte das bleiche Geſicht mit den Händen; ſchwere Thränentropfen fielen aus ihren Augen niever und die Bruſt hob ſich in

krampfhaften Wallungen. Dann blickte das arme Mäd⸗

chen wieder ſtarr vor ſich hin und ihre ganze Geſtalt zit⸗ terte heftig; ſie war in einer Gemüthsbewegung, die nicht allein durch Franzen's Beſuch hervorgerufen ſein konnte. Sie entkleidete ſich nicht, obgleich die Eltern ſchon lange zur Ruhe gegangen und auch Wilm wieder heimge⸗ kehrt war, wie ſie vernehmen konnte, aber ſie löſchte das Licht aus und trat dann an das Fenſter, an dem ſie lange unbeweglich ſtehen blieb, in den dunkeln Wald hinaus⸗ blickend.

Wohl Mitternacht mochte eben vorüber ſein, als der Schrei eines Waldvogels in der Nähe des Hauſes ertönte. Marie zuckte leiſe zuſammen, dann warf ſie ſchnell ein großes Tuch über den Kopf und öffnete mit äußerſter Vor⸗ ſicht die Thüre ihres Zimmers; auf den Zehenſpitzen die Treppe hinabſchleichend, um das Knarren der Stufen zu

dermeiden, hatte ſie bald die Hausthür erreicht, leiſe geöff⸗ 3 naet und befand ſich vor dem Hauſe, wo der zottige gelbe* Bolſshund, der in der Laube als treuer Wächter des