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denfalls aber nicht ganz unangenehm überraſcht. Victor ſagte ihr geradezu, daß er dieſe Gelegenheit geſucht habe, ſie ungeſtört unter vier Augen zu ſprechen; dann bat er
ſie inſtändigſt, ihm mit voller Aufrichtigkeit und Vertrauen
Aufſchluß über ihre jetzigen Verhältniſſe zu geben.
Sie that es, und es war, wie er wohl vorausgeſetzt hatte: anſtatt die Freundſchaft zu ſinden, der ihr ſterben⸗ der Vater ſie empfohlen, war ſie von deſſen altem Bekannten und ſeiner Familie gleichgiltig und kalt empfangen worden und in reindienſtliches Verhältniß getreten, in das ſie ſich fügen mußte, um nur den nothwendigſten Lebensunterhalt zu gewinnen; außer ihren Dienſtſtunden kümmerte man ſich nicht um ſie, wie ſie ſich auch eine eigene Wohnung ſuchen mußte, und während derſelben wurde ſie oft hart und ver⸗ letzend behandelt; mit einem Worte: ſie führte eine ſehr un⸗ glückliche, ſie in keiner Weiſe befriedigende Exiſtenz. Wie tiefſchmerzlich ſie dieſelbe fühlte, ging aus ihren ungezwun⸗ genen, vertraulichen Worten hervor, und dennoch mußte Victor die feſte Ueberzeugung gewinnen, daß ſie weit ent⸗ fernt davon blieb, von ihm irgendeine Hilfe zu beanſpruchen oder nur zu erwarten, daß ſie im Gegentheil entſchloſſen war, gerade ſeine Hilfe zurückzuweiſen.
Sie ſprachen ſich vollſtändig aus, ſoweit es ihre äu⸗
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