Teil eines Werkes 
1. Bd. (1874)
Entstehung
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Da ſie ſich ohnedem ſchon in großer Aufregung be⸗ fand, konnte ſie ihre Thränen nicht zurückhalten; demüthig küßte ſie ihrer Schwiegermutter die Hand und erzählte ihr in einfachen Worten das Vorgegangene. Ihre Schilderung kam aus vollem, tieffühlenden Herzen und trug das Ge⸗ präge ſo reiner, unſchuldsvoller Empfindungen, daß die Herzogin dadurch gerührt und vollſtändig verſöhnt wurde; ſie war überhaupt nur in den äußeren Formen eine ſtrenge Frau.

In wiedererwachter mütterlicher Liebe umarmte ſie die Schwiegertochter und verzieh ihr nicht allein, ſondern billigte vollkommen ihr Verhalten; beiläufig erwähnte ſie aber der

Prinzeſſin konnte dieſe Warnung nicht verloren gehen,

daß ſie in ihrer hohen Stellung ſehr vorſichtig ſein müſſe; glücklicher Weiſe bemerkte ſie nicht, daß Anna dabei tief erröthete, wurde derſelben doch erſt jetzt klar, wie man ihr Verhältniß zu dem Grafen Horneck auffaſſen könnte. Dagegen empörten ſich auch ihre weibliche Würde und ihr reines Gewiſſen. Sie fühlte, daß ſie allen Verleum⸗ dungen und nach einem Stoffe zu ſolchen ſuchenden Blicken mit freiem, feſten Auge entgegentreten könne, daß dies jetzt leider ſchon eine Nothwendigkeit geworden ſein dürfte, und deshalb beſtand ſie darauf, obgleich die Herzogin ihr in