Teil eines Werkes 
1. Bd. (1874)
Entstehung
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worden war, deshalb vermochte man ſich das Ausbleiben der Erbherzogin und ihrer Begleiter auch gar nicht zu erklären. Anna dankte kurz ihrem Kavalier mit dem Hinzu⸗ fügen, ſie hoffe ihn heute Abend in dem Geſellſchaftscirkel noch wiederzuſehen, und daß er ſie morgen wieder nach der Köhlerhütte begleite; dann begab ſie ſich zu der Her⸗ zogin, die ſich noch auf ihrem Zimmer befand und be⸗ fohlen hatte, ſie nach dem Eintreffen ihrer Schwiegertochter davon in Kenntniß zu ſetzen. Anna übernahm dies ſelbſt; ſie bedauerte, die Herzogin, die ihr ſtets wahrhaft mütter⸗ liche Zuneigung erwies, beunruhigt zu haben, war indeſſen

außer aller Sorge, ſich vollſtändig rechtfertigen zu können.

Die Herzogin empfing ſie ungewöhnlich ernſt und kalt; es unterlag keinem Zweifel, daß ein ſchlimmes Mißtrauen in ihr aufgetaucht war, und ſie wollte ſich auch nicht be⸗ ſondere Mühe geben, dies zu verhehlen, ihre erſte Frage lautete ſtreng und tadelnd. Die Prinzeſſin begriff dies ſogleich und fühlte ſich tief gekränkt; jedem Anderen gegen⸗ über würde ſie mit Stolz geantwortet haben, der Herzogin hing ſie aber mit zuviel kindlicher Verehrung und wahrer Achtung an, als daß ſie eine ſolche Rolle durchzuführen vermocht hätte, um ſo tiefer ſchmerzte ſie die ganz unge⸗ rechte Beurtheilung.