37
den größten Einfluß übte, wo ſogar ihre Schönheit durch ihren Geiſt unterſtützt wurde, wo Regentinnen gegen Miniſter und Kardinäle auftraten; und wo die Ürtheile des Zeitalters eher in den Salons der Damen, als in dem Studirzimmer des Weiſen reiften!
Dieſer Nationalzug kann nicht gänzlich verwiſcht worden ſein. Wenn auch durch die Schrecken einer Revolution und den nachfolgenden Militair⸗Deſpotis⸗ mus Alles gethan wurde, die Natur Frankreichs zu ändern, ſo bleibt das junge Frankreich doch immer das Kind des alten Frankreichs— und das heutige Paris muß die Züge des geſtrigen beibehalten haben, wie man in der BZildergallerie auf Rehfeld gerade dieſelbe Miene unter dem Hofkleide und der Perrücke meines Großvaters unterſcheiden kann, wie unter den Harniſchen der Barone des Mittelalters, nur daß ſie da ein ernſtes Ausſehen erhält.
Der ſcheinbare Leichtſinn und die Ausſchweifungen der Pariſer verbergen eine Welt von Takt und Fein⸗ heit, wie der ſchlaue Angler ſeine Angel auf der Ober⸗ fläche des Waſſers beobachtet, ſo müſſen auch diejeni⸗ gen, welche beabſichtigen, in dem ungeſtümen Strome der Geſellſchaft ihr Glück zu machen, mit der größten Sorgfalt die leiſeſten Bewegungen der Oberfläche deſ⸗ ſelben bewachen.
Hier iſt es nicht wie in Petersburg. Kleider, Ei⸗ telkeit und Vergnügen üben dort einen ſo mächtigen Einfluß, daß alle höheren Zwecke darüber vergeſſen werden. Hier ſcheint es zwar mit Kleidern, Vergnü⸗ gen und Eitelkeit derſelbe Fall zu ſein, während ſie aber in Wirklichkeit unſern deutſchen Polſtern von Ei⸗ derdunen gleichen, fähig, Wärme zu verleihen und auch zugleich einen Gegenſtand des Hausrathes zu machen, oder ſich in eine Taſche zuſammendrücken zu laſſen, um ſie vor dem Blicke zu verbergen, bis die Zeit zu ihrer Wiederausſtellung kommt.
Sieh doch, meine theuerſte Marguerite, wie leicht


