Teil eines Werkes 
1. - 4. Bdchn (1845)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

47

fühlte ſich plötzlich von der lieblichen Mufikerin ange⸗ zogen.

Die einzige Perſon, welche nicht gänzlich von Mademoiſelle Erloff's Vortrag hingeriſſen war, war ſie ſelbſt. Beim Schluſſe des Geſanges erhob ſich Marguerite mit zitternden Gliedern und gerötheten Wangen, von Aufregung und Schüchternheit überwäl⸗ tigt, von dem Piano, indem ſie den Tadel ihrer Mut⸗ ter noch weit mehr, als das allgemeine Beifallrufen fürchtete, das ihr Spiel begrüßte.

Ida, eiferſüchtig, beinahe neidiſch um ihren Er⸗ folg, fühlte ſich beſchämt, als ſie die angeborene und ganz ungekünſtelte Beſcheidenheit des Mädchens wahr⸗ nahm, von welchem ſie erwartet hatte, triumphirend ob der Ueberlegenheit ihrer Talente ſie zu finden.

„Marguerite hat weder Deine Kenntniß in der Muſik, noch Deine Fertigkeit, mein theures Kind,“ ſprach die Baronin freundlich zu ihrer Stieftochter, als ſie Fräulein von Rehfelds niedergeſchlagene Miene bemerkte.„Sie iſt ſo ſehr mit Malen beſchäftigt, daß ſie nicht ſo viel Zeit auf die Muſik verwenden konnte, als ich wünſchte. Du mußt ſie ermuthigen, meine liebe Ida, und mit der Zeit vermag ſie vielleicht doch etwas zu leiſten. Ich habe mir immer eingebildet, daß die reine Luft Deutſchlands muſikaliſches Gefühl und Geſchmack erzeugen muß. Marguerite erlangt vielleicht hier den Eifer, der ihr in St. Petersburg fehlte.“

Als Ida am Schluſſe eines Kompliments, das ſie für unverdientes Lob, welches gleich verkleideter Ver⸗ läumdung iſt, hielt, in die Höhe blickte, ſah ſie ihre junge Nebenbuhlerin in einer lebhaften Unterhaltung mit Mademoiſelle Thereſe begriffen. Die Talente des jungen Mädchens und die Würdigung der Gouvernante brachten ſchnell eine Vertraulichkeit zu Stande, und Ida war überraſcht, zu bemerken, daß die ſo ſehr formelle und ſcheinbar hochmüthige Dame, welche an

7